Ausbeutung 4.0 – Kapitalismus im Kopf

von Kritzolina (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Ein Gastbeitrag von Rainer Zech

Über die Arbeitswelt 4.0 wird zurzeit viel gesprochen und geschrieben. Dass diese mit einer Ausbeutung 4.0. korrespondiert, wird dabei meistens verschwiegen. Reden wir also ein wenig über die Schattenseiten der schönen, neuen Arbeitswelt – nicht ohne einen kurzen Rückblick auf die Ausbeutungsstrukturen vorangegangener Kapitalismusformen zu werfen.

Jede Gesellschaft ordnet ihre wirtschaftliche Produktionsweise in eine umfassende Kosmologie ein, um sie zu legitimieren. Für frühe Gesellschaften war dies die Religion, die von Priester oder Gottkönigen stellvertretend repräsentiert wurde. In der griechisch-römischen Antike war es ein bestimmtes Verständnis der Natur, die den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen den Platz zuwies, der ihrer Natur entsprach. Das Mittelalter legitimierte seine Produktionsweise durch den Ständestaat, der jedem Individuum seine gottgewollte und unveränderbare Position zuwies.

Die Legitimationsverpflichtung der Wirtschaft hat sich in der Neuzeit nicht verändert. Auch der Kapitalismus braucht gute Argumente, um seine Bevölkerung davon zu überzeugen, warum sie sich für ihn anstrengen soll. Unterwerfung und Zwang reichen als „Motivationsfaktoren“ nicht auf Dauer aus. Der Zwang muss verinnerlicht werden. Die Arbeitsanstrengung muss einen Sinn haben. Es bedarf einer korrespondierenden inneren Überzeugung, wenn man von Menschen verlangt, sich über ein unmittelbar nötiges Maß zu engagieren. Der Kapitalismus ist um seiner eigenen Produktivität Willen gezwungen, die Bevölkerung für die erforderlichen Arbeitsanstrengungen zu mobilisieren. Legitimität versucht der Kapitalismus zu erringen, indem er seine Leistungen hinsichtlich ihres Beitrages zum Allgemeinwohl, d.h. zur Gerechtigkeit, zur Freiheit der Beteiligten und zur Sicherheit der Beschäftigten und ihrer Familien, begründet.

Der entstehende Kapitalismus, gewissermaßen die Variante 1.0, legitimierte sich im Umfeld der bürgerlichen Revolutionen über Freiheit und Gerechtigkeit in Abgrenzung zum Ancien Regime. Diese kamen vor allem dem aufstrebenden Bürgertum zugute. Es waren die Freiheit des Handels und die Gerechtigkeit des Vertrages beim Geschäftemachen. Dieser Fortschritt galt aber nicht für alle. Im Übergang vom Handwerk zur Manufakturproduktion konnte die bürgerliche Wirtschaft auf die aus der Leibeigenschaft „befreiten“, aber ansonsten mittellosen Tagelöhner zurückgreifen. Die frühe Industrie beutete die Arbeitskraft von Männern, Frauen und Kindern rücksichtslos durch mehr oder weniger verdeckte nackte Gewalt aus. Widerstand gab es bestenfalls im vereinzelten Aufruhr und in Maschinenstürmerei. Max Weber hat uns allerdings gezeigt, dass der Erfolg des frühen Kapitalismus jedoch erst dadurch gelang, dass er sich durch eine Liaison mit der protestantischen Arbeitsethik und der innerweltlichen Askese legitimierte. Das Versprechen auf einen guten Platz im Himmelreich wirkte motivierend und arbeitsfördernd. Im Widerstand gegen die Ausbeutung gründeten sich Arbeiterzusammenschlüsse und später Gewerkschaften. Um die Arbeiterschaft zu befrieden und in den bürgerlichen Staat einzubinden, wurden später in Deutschland über die Bismarcksche Sozialgesetzgebung Mindeststandards sozialer Gerechtigkeit eingeführt. Im Grunde hielt diese Motivationsgrundlage in Europa bis zum Ende der 1950er Jahre, zumal nach dem 2. Weltkrieg der Wiederaufbau unmittelbar einsichtig war.

Mit der Wende zum 20. Jahrhundert trat der Fordismus auf den Plan. Der Kapitalismus 2.0 betrieb industrielle Massenproduktion am Band. Der Taylorismus war die dieser Entwicklung entsprechende Organisationsform und Managementmethode. Legitimation konnte der Kapitalismus vor allem durch seinen Beitrag zum gesellschaftlichen Fortschritt und zur Befriedigung eines durch die Massenproduktion verbilligten Konsums breiterer Bevölkerungsschichten erwerben. Die Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiter verbesserten sich nur wenig. Die Ausbeutung funktionierte über die Disziplinierung der Arbeitenden, die ständig kontrolliert in der Bedrohung leben, ihren monotonen Arbeitsplatz an einen anderen aus dem Heer der industriellen Reservearmee zu verlieren. Die Wirtschaftskrise in der Folge des Börsen-Crash am schwarzen Freitag 1929 verschärfte die Situation der Arbeitenden ins Unerträgliche. Die Alternativlosigkeit dieser Entwicklung ließ erfolgreichen Widerstand aber kaum aufkommen. Erst in den 1940er Jahren, nachdem sich gezeigt hatte, dass eine mangelnde Arbeitsmotivation zu erheblichen Produktivitätseinbußen führte, begannen die Vertreter des Kapitals, über eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen nachzudenken. Das war die große Zeit der Human-Relations-Bewegung: Ab jetzt sollten die Arbeiter wenigstens gut behandelt werden.

In den 1960er Jahren erlebte der Kapitalismus seine erste Nachkriegskrise. Es war eine Absatz- und Ressourcenkrise. Die prinzipiell unbegrenzte Produktionsnotwendigkeit traf auf eine Sparsamkeitsethik in der Bevölkerung. Maßhalten, Genügsamkeit, Fleiß, Ordentlichkeit waren die vorherrschenden Charaktereigenschaften. Wenn eine Haltung vorherrscht, die ein „Das ist noch gut, das kann man noch weiter benutzen“ auszeichnet, ist es kaum kommunizierbar, dass man sich einen zweiten Fernseher für das Kinderzimmer kaufen soll, wenn im Wohnzimmer schon einer steht. Für den ersten Fernseher, den ersten Kühlschrank und das erste Auto hatte das „Wirtschaftswunder“ bereits gesorgt. Ein familiärer Zweitwagen war noch nicht Usus.

Zum Glück oder Unglück, je nach Perspektive, hat der Kapitalismus allerdings zwei grandiose Eigenschaften. Erstens ist seine Form nahezu unbegrenzt wandelbar, solange das Prinzip der Kapitalverwertung nicht in Frage gestellt wird. Zweitens hat er die Fähigkeit, Kritik für den eigenen Formwandel zu nutzen und aus ihr sogar neue Kraft zu ziehen. Von Beginn an also versuchte der Kapitalismus, sich über seinen Beitrag zum Allgemeininteresse, zur ökonomischen Sicherheit der Beschäftigten und zu den Zukunftsaussichten ihrer Kinder sowie über seinen Betrag zur sozialen Gerechtigkeit zu legitimieren. Der frühe Kapitalismus hatte dazu auf den Utilitarismus zurückgegriffen, der behauptete, dass jeder, der seinem individuellen Interesse folgte, dem Nutzen der Gesellschaft als Ganzer diente. Dazu kam das Fortschrittversprechen, das seinen unmittelbaren Ausdruck in den technischen Entwicklungen fand. Die Gerechtigkeit bestand in der Hoffnung eines langsam wachsenden Wohlstands für alle.

Der Glauben an den Fortschritt und den gerechten Gesamtnutzen des Kapitalismus erodierte in den Wirtschaftskrisen der 1960er Jahre. Und spätestens die erste sogenannte Ölkrise 1973 machte deutlich, dass die Ressourcen unseres Planeten begrenzt sind. Die Kritik der späten 1960er und frühen 1970er Jahre war massiv. Weltweit rebellierten Studenten und Arbeiter gegen Ausbeutung und Entfremdung. In Westdeutschland bildeten Rudi Dutschke und Beate Uhse eine wirkmächtige Koalition. Die Studentenbewegung forderte nicht nur mehr Demokratie, sondern ebenso wie die sexuelle Aufklärung à la Oswald Kolle freie Liebe. Wenn schon die politische Revolution misslang, so wurde doch der Muff der 1950er Jahre nicht nur unter den Talaren, sondern in der ganzen Gesellschaft soziokulturell durchgelüftet. Die gelockerte Libido befreite auch den Konsum vom Verzicht. Das war genau die innere Haltung, die ein sich modernisierender Kapitalismus 3.0 brauchte. Kaufen wurde Teil der angestrebten Selbstverwirklichung. Die Arbeitgeber waren kompromissbereit, zumal die Wirtschaft wieder prosperierte. Große Teile der Arbeiterschaft konnten so wieder in das System integriert werden. Den in die gehobenen Etagen einrückenden ehemaligen Studenten wurden größere Autonomiespielräume und Entscheidungskompetenzen zugebilligt, was ihren Selbstverwirklichungswünschen entgegen kam. Die so genannte 68er-Generation rückte nach und nach in die Führungsetagen der Wirtschaft und der Politik. Der persönliche Erfolg ließ sie ihre alten Ideale schnell vergessen. Der Marsch durch die Institutionen änderte zwar nicht die Institutionen, wohl aber die Marschierenden.

In den 1980er Jahren änderte sich das Bild erneut. Die Verteilungsspielräume wurden wieder enger. Reaganomics in den USA und Thatcherismus in Groß Britannien zerschlugen die Gewerkschaften. Aber auch in Deutschland mit seinem vergleichsweise moderaten „rheinischen Kapitalismus“ verloren die Gewerkschaften ihre Zähne. Der Protest verlagerte sich auf die neuen sozialen Bewegungen, die die ökologische Zerstörung anprangerten und mehr Rechte für Frauen, Schwule und Minderheiten forderten. In Bezug auf die Produktionsbedingungen waren diese Proteste ohne nennenswerten Einfluss. Lange Zeit unbemerkt konnte der mittlerweile postfordistische Kapitalismus ausgehend von den Innovationen aus dem Silicon-Valley in seine aktuelle Form der so genannten Arbeitswelt 4.0 mutieren.

Aus dem gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer ist ein individualisierter Arbeitskraftunternehmer geworden, der sich auf dem Markt zeitbefristet und projektförmig verdingen muss.

Im Mittelpunkt der schönen neuen Arbeitswelt 4.0 stehen die Möglichkeiten einer weltweit hochvernetzten, räumlich und zeitlich flexibilisierten Arbeitsorganisation mit allen ihren Folgen des Dauerbetriebs für die Beschäftigten an welchem Ort und zu welcher Zeit auch immer. Durch die Globalisierung und Vernetzung operieren die Konzerne mittlerweile weitgehend jenseits der Regulierungsmöglichkeiten der Nationalstaaten. Die neoliberale Deregulierung der Finanzmärkte führte zu den uns heute beschäftigenden Krisen und deren Folgen für die verschuldeten Staaten und ihre Bevölkerungen. Die spannende Frage ist, wieso sich kein maßgeblicher Widerstand gegen die Verursacher der Krise richtet. Das liegt vor allem daran, dass es dem Kapitalismus in der Folge des Zusammenbruchs des nun real nicht mehr existierenden Sozialismus gelungen ist, sich als alternativlos zu präsentieren. Ungeachtet der zu beobachtenden gesellschaftlichen Anomiesymptome – der schreienden Ungerechtigkeit der Spaltung in Arm und Reich, dem sich ausbreitenden Egoismus, dem Verlust ökonomischer Sicherheit durch befristete und prekäre Arbeitsbedingungen, der ökologischen Zerstörung etc. – regt sich kein massiver Widerstand gegen diese Phänomene einer Ausbeutung 4.0.

Denn der Kapitalismus ist in die Köpfe der Bevölkerung eingedrungen. Sein unermüdliches Bemühen, gesellschaftliche Bereiche, die sich bisher außerhalb des Marktes befanden, zu ökonomisieren, hat mittlerweile zu einer Ökonomisierung der Menschen geführt. Der Name dafür lautet Employability. Dadurch wurde das Verhältnis von Profit und Moral neu definiert. Wenn die Grenze zwischen Arbeitsleben und Privatleben fällt, steht dem Einbezug des ganzen Menschen in den Verwertungsprozess nichts mehr im Wege. „Corporate Life“ nennt dies die Fraunhofer-Gesellschaft zynisch. Aus dem gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer ist ein individualisierter Arbeitskraftunternehmer geworden, der sich auf dem Markt zeitbefristet und projektförmig verdingen muss. Wenn alles zur Ware wird – nicht nur Allgemeingüter, wie Luft, Wasser, Gesundheit etc., sondern auch Kontakte, Beziehungen und Vernetzungen –, dann fällt eine Grenze, nämlich die zwischen beruflich nützlichen und freundschaftlich uneigennützigen Beziehungen. Erst die Kodierung menschlicher Eigenschaften und Kompetenzen in wirtschaftliche Verwertbarkeit vollendet die Entwicklung des homo oeconomicus. Alles wird in die Prüfung des Nutzens, der potenziell daraus zu ziehen ist, eingezogen und unterliegt fortan zugleich dem latenten Verdacht wechselseitiger Ausbeutung für individuelles Fortkommen.

Das Leben ist zum Dauerassessment geworden, und jeder Einzelne hat sein Vorankommen oder Scheitern jetzt allein zu verantworten.

Die umfassende Kontrollgesellschaft ist Wirklichkeit geworden. Dabei ist es kaum noch nötig, externe Kontrolle auszuüben, obwohl auch dies gerade in letzter Zeit durch Facebook, Google und NSA massenweise geschieht. Die Kontrolle ist zur Selbstkontrolle geworden und zur wechselseitigen Beobachtung dessen, womit die anderen vemeintlichen Erfolg und dadurch kurzfristige Vorteile im Rattenrennen haben. Die modernen Managementmethoden haben ihren Beitrag dazu geleistet, dass die Individuen von selbst tun, was von ihnen verlangt wird. Das so genannte 360o-Feedback ersetzte zum Beispiel Vorgesetztenkontrollen durch eine wechselseitige Kontrolle der Beschäftigten. Das Leben ist zum Dauerassessment geworden, und jeder Einzelne hat sein Vorankommen oder Scheitern jetzt allein zu verantworten. Gerade die neuen Technologien und das Internet haben veränderte Kontrollmodalitäten ermöglicht. An die Stelle einer altmodischen personalen Direktüberwachung der Beschäftigten durch vorgesetzte Instanzen ist eine perfide Mischung aus computergestützte Echtzeitkontrolle aus der Distanz, unpersönlicher Marktkontrolle, wechselseitiger Kontrolle und Selbstkontrolle geworden. Und alle spielen mit.

Wie hatte doch Karl Marx in der Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie geschrieben: „Die Produktion produciert daher nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand.“ Das ist der neoliberalen Wirtschaft großartig gelungen. Ausbeutung 4.0 bedeutet „freiwillige“ Selbst-Ausbeutung des Arbeitskraftunternehmers – bis zur depressiven Erschöpfung.

Quellenhinweis: Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht auf Carta.Wir danken Herrn Rainer Zech und Carta.Info für die Zustimmung zur Zweitverwendung.

 

 

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Rainer Zech

Rainer Zech
Prof. Dr. Rainer Zech, Jahrgang 1951, Geschäftsführer der ArtSet Forschung Bildung Beratung GmbH und 1. Vorsitzender des ArtSet Institut e.V., ist noch immer ein leidenschaftlicher Anfänger. Er liebt das Neue, experimentiert gern und ist ständig unterwegs auf “abseitigen” Wegen. Nach fast 40 Berufsjahren konzentriert er sich jetzt auf seine Leidenschaft für die Wissenschaft und aufs Publizieren.