Der Fall Rezomusik – Das Phänomen und Echo der Dekonstruktion und Umformation von Diskursführung durch YouTuber

Ein Gastbeitrag von Dennis Hartmann

Eine Web-Gesellschaft, deren Kommunikationswege die Demokratisierung von Wissen via Social-Plattformen á la Twitter, Facebook und YouTube fördern und verlangen, ermöglicht jedem Internetnutzer eine vornehmlich kostenfreie Distribution und öffentliche Hinterfragung von Wissensbeständen sowie überholten Weltbildern. Die Dekonstruktion und Umformation von Diskursen und deren Führung werden gleichsam zum Macht- und Meinungs-Spiel einer Vielzahl von Playern des heutigen Web-Kosmos voller Fakten- und Fake-News. Dies schließt u.a. soziokulturelle, politische und ökonomische Interessensgemeinschaften, Forschungserkenntnisse, Glaubens- und Verschwörungstheoretiker, Institutionen, Mediennetzwerke, Presseverlage und Individual-Meinungsproduzenten, wie sie die post-postmodernen „Influencer“ darstellen, allesamt mit ein.

Aus dem in demokratisch orientierten, sozialisierten und medial vernetzten Kommunikationsgesellschaften vorhandenem und mäanderndem Diskursnetz, in welches wir hineingeboren werden, können wir niemals austreten, was der Poststrukturalismus nach Foucault und Post-Foucauldiane Governmentality Studies und Soziologische Theorien immer wieder selbst diskursiviert haben. Wir werden sozialisiert in einer vorstrukturierten Gesellschaft mit sich verfestigten Institutionen, Wissensbeständen, Konventionen, Machtverhältnissen und Diskursen, die sich allesamt mal mehr, mal weniger stark ephemer und volatil im Wandel befinden. Das Angebot an unnützen, wahren, falschen oder brauchbaren Informationen ist explodiert und wächst täglich. Die Kunst ist dabei die Entscheidung geworden, welchem man davon nachgeht oder nicht oder welches Angebot es schafft in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie die effektivsten (Marketing-)Wege zu bedienen, dass doch der Finger zum Klicken bewegt wird.

Speziell YouTube gilt als höchst informative, effektive und werberelevante audiovisuelle Plattform der vornehmlichen Generation Y und Z. Eine Video- und Kommentarzentrale, die zu Beginn ihrer Entstehung noch als Digitalraum der Unterhaltung belächelt wurde, welche eher zwischen drolligen Katzen-Clips, schadenfreudigen Szenen ausrutschender Menschen in „Fail“-Home-Videos und videografisch dokumentierten Ausrastern von Videospiel-Usern oszillierte. Nach wie vor alles natürlich auffindbar. Nur „Unreal Tournament“ will keiner mehr spielen…

Mittlerweile hat sich die Nutzerschaft und die Intention der Inhaltsbereitstellung und -produktion jedoch stark verändert, was nicht nur mit Influencern und der Werbeindustrie zu tun hat.

YouTube ist der Hort für Unterhaltung geworden und geblieben, aber auch für lehrreiche Wissensvermittlung. Plötzlich wird Politik durch die Einflussnahme geeigneter Zurschausteller und Diskursführer, welche die Influencer aus unterschiedlich gearteten Motiven repräsentieren, nahbar für Zielgruppen, die sonst bedingt in Berührung mit politischer Auseinandersetzung gekommen wären.

Auf einmal zeigen Hollywood-Komponisten in exklusiven YouTube-Serienformaten, wie sie ihre neuen Blockbuster-Vertonungen am Computer erstellen, um gleichsam Selbst-Marketing mit Wissenstransfer an die Nachfolgegeneration zu kombinieren (siehe Tom Holkenborgs Kanal über seine Filmmusik unter: https://www.youtube.com/user/junkiexlofficial/videos).

So lamentieren gestandene Musikproduzenten, wie der Kommentarbereich bei Videos auf YouTube weitaus freundlicher ist, sobald der Inhalt des Videos lehrreich ist oder wie der YouTube-Nutzer Richard Sangeleer unter das Video treffend beschreibt: „YouTube is arguably the greatest instructional vehicle of all time.“ (Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=3BR2tPxLrxM)

YouTube und deren sechs Millionen „Creator“ und zunehmend auch „Instructor“ erzeugen die auditive und visuelle zeitgenössische Neugierde-Befriedigung des Lernens und vor allem auch des Lehrens, wobei neben Unterhaltungsinhalten auch die Dekonstruktion von produzierten Medien wie Filmen, Videospielen, Musikkompositionen oder aber auch die verbale „Zerstörung der CDU“ stattfinden kann, wie es der YouTuber Rezomusik in diesem Mai vorgemacht hat. Ein kalkuliertes Echo der crossmedialen Auseinandersetzung blieb selbstverständlich nicht aus. Nicht so knapp vor der Europawahl und auch generell nicht, da ja kontrovers.

So postulieren Medienwissenschaftler auf Twitter, dass die „Rückkehr der Vorlesung“ mit hoher „Informationsdichte“ geschehe (https://twitter.com/NoisyNarrowBand/status/1131189722020241408)

Nun jedoch ausgeführt von YouTubern als Lehrmeister, die einen neuen, alten Bedarf befriedigen; nämlich Wissensdurst zu stillen und im Netz zudem werbewirksame, aufmerksamkeitserregende teilbare Informationen zu verbreiten. Diese unterhalten und überdies wirken sie überzeugend, was als Video eines Protagonisten mit Fakten-angereichter und argumentativer Wirkmächtigkeit in seiner kurzweiligen Präsentation und Rhetorik eine effektive Strategie darzustellen scheint, um eine hohe Überzeugungskraft beim klick-gewillten Publikum zu bewirken. „Schau dir das an, was hier gesagt wird! Da hat er Recht! Und er belegt es auch noch… so zumindest laut Video und einsehbarem Quellen-Google-Doc-Dokument…“

Die vorherrschende „Visual Culture“ in den Konsum-Gesellschaften hat mit ihren reichhaltigen bildhaften Kommunikations-Angeboten in Kunst und Kultur digitalbedingt noch mehr an konsumier- und wandelbaren Diskursfragmenten mit Sehrezeptionsnotwendigkeit hervorgebracht, die es in visuellen Verhandlungsmedien erneut zu hinterfragen, zu analysieren, zu untersuchen und zu präsentieren gilt. Denn visuelle Wissenschaftsgrafiken machen dann auch dem Letzten im deutschen öffenlich-rechtlichen Fernsehen unmissverständlich klar, wie eine ansteigende Seismografen-Linie deutlich belegt, wie sehr die Grünen an der FDP vorbei gallopiert sind… „Also, dass sieht man doch, Herr Linder“, meint man Markus Lanz denken hören (siehe: https://www.youtube.com/watch?v=T3he_b7tsEQ)

Visiotype und Evidenz, Grafiken, Tabellen und Zahlen, das geschriebene Wort versus „gibts das auch bei Netflix als Film oder kann ich mir das als Podcast auch anhören?“ ist dabei nur eine Frage und Dualismus, der sich begleitet in der wandelnden, ablösenden und wiederkehrenden Medienvarianz, welche Verlagshäuser in Hinsicht ihrer schwindenden Anzahl an Printerzeugnissen mit der Produktion eigener Sprach- und Videoproduktionen versuchen ebenfalls heutzutage nachzukommen. Alles muss sichtbar sein. Kann man es nicht hören und vor allem nicht sehen, ist es in der Bildschirmgesellschaft nicht existent.

Die immanente Wirkmächtigkeit von videografischen Inhalten und diskurspositionierten Sprechern – wie eben ein Rezomusik – schafft mit hoher Abonnenten-Anzahl im Gepäck dabei dann in vielseitige Regionen einer durchdachten intellektuellen, oberflächlichen oder populistischen Auseinandersetzung politischer Meinungsvielfalt zu kommen.

Dass dann die Wahl des Statements und der Wortwahl „Zerstörung der CDU“ im (medien-)politischen Diskurs für eine ebenso gewünschte Brisanz in Schlagzeilen, Foren und Blogosphären sorgt, kann gleichermaßen als Click-Bait-Headline, Neugierde-Trigger oder wiederkehrend als die ewige, nach Wahrheit strebende Wissens-Diskursivierung betrachtet werden, mit der ein YouTuber unter umfangreicher Recherche-Arbeit sich als gewichtiges Sprachrohr der YouTube-Nation zu positionieren versucht.

Vorbereitung und Ausführung sind on point (Ben Shapiro auf deutsch möchte man meinen mit mehr Internetslang „lol“, „nice“ und so…) mit direkter Ansprache an das zuhörende Podium vor dem Bildschirm Zuhause oder im Redaktionsbüro oder auf dem Smartphone in der Agentur oder vor der nächsten Uni-Vorlesung, die anscheinend langweiliger wird, als alles, was uns das neue Fernsehen bietet.

Ich könnte nun weiterschreiben, aber… Oh da, ein neues Video mit Skandalpotenzial ist gerade erschienen… Klick.

Dennis Hartmann

Dennis Hartmann
Dennis Hartmann ist seit 2016 Projektmanager bei der Berliner Digitalagentur 3pc GmbH. Sein Schwerpunkt liegt u.a. in der Betreuung von Website-Relaunches sowie in der Leitung und Entwicklung digitaler Inhalte und Kampagnen sowie klassischer Print-Kommunikationsmaßnahmen. Hartmann studierte Medien- und Kunstwissenschaften an der Technischen Universität und Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und spezialisierte sich am Institut für Medienforschung (IMF) auf audiovisuelle Medienkulturen sowie digitale Medientechnologien im Bereich der Nachrichten- und Informationstechnik. Aktuell entwickelt und leitet er die Podcast-Reihe „Internet & whatever comes next“, wofür er zum Status Quo und zum Wandel der Digitalen Transformation u.a. Interviews mit Vertretern aus Kultur, Medien und Politik führt.