Die Wut und die Medien

von Christian Alexander Tietgen (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Ein Gastbeitrag von Matthias Krämer

Krise der Leserkommentare, Krise der Zeitungslandschaft: Vom Scheitern gesellschaftlicher Integration, seinen Ursachen und seinen Folgen. 

“Die Presse echauffiert sich”, schreibt Vera Bunse, und sie meint damit nicht die klassische Publikumsbeschimpfung:

“Ihr habt aus dem Vollen geschöpft, ihr Miesmacher, ihr Nichtsnutze, ihr willenlosen Werkzeuge, ihr Auswürfe der Gesellschaft. …
Ihr habt uns ganz neue Perspektiven gezeigt …, ihr Massenmenschen, ihr Totengräber der abendländischen Kultur, ihr Asozialen, ihr übertünchten Gräber, ihr Teufelsbrut, ihr Natterngezücht, ihr Genickschußspezialisten.

Ihr wart unbezahlbar. Ihr wart ein Orkan. Ihr habt uns den Schauder über den Rücken gejagt. Ihr habt alles weggefegt, ihr KZ-Banditen, ihr Strolche, ihr Stiernacken, ihr Kriegstreiber, ihr Untermenschen, ihr roten Horden, ihr Bestien in Menschengestalt.” (ÖLA SPH/LW/W37-38, Bl. 21)

Peter Handke wusste noch, wie man sein Publikum beschimpft.

Manche seiner Begriffe sind aus der Mode gekommen, andere kamen neu dazu: Putin-Versteher zum Beispiel, oder NATO-Schergen. Statt auf Totengräber der abendländischen Kultur schimpft man heute eher auf Verächter westlicher Werte, ansonsten auf linksgrüne Spinner oder auf Extremisten aller Art. Der Orkan heißt jetzt Shitstorm, Defätisten nennt man Trolle. Aber sonst bleibt doch irgendwie alles beim Alten. Wenn die Front errichtet ist, weiß man, wo der Feind steht.

Auf dem von Bunse geschilderten Schlachtfeld gibt es gleich zwei Fronten.

Presse im Zweifrontenkrieg?

Aus Sicht der meisten Leserkommentarschreiberinnen und -schreiber gibt es ein Medienkonglomerat, in dem eine Meinung dominiert, und fast immer ist sie das Gegenteil der eigenen Meinung. Die bezahlten Kommentatorinnen und Kommentatoren sehen eher einen wilden Mob, der in den Zeitungsforen randaliert, und malen sich gern aus, dass die auch alle dafür bezahlt werden – von Putin. Putin-Trolle, die in deutschen Redaktionen als Erklärungsansatz auf großes Interesse stießen, heißen nicht deshalb so, weil sie Putin trollen, sondern weil es Defätisten sind, die Putin bezahlt.

Das verbindet die Meinungs-Front zwischen Presse und Publikum mit der Militär-Front zwischen dem Westen und Russland. Presse und Publikum, um die es hier geht, wohnen zwar beide im Westen. Aber um klare Fronten zu schaffen, kann man die einen ins NATO- und EU-Hauptquartier nach Brüssel verschieben, die anderen nach Moskau.

Bei solcher Polarisierung handelt es sich um ein bemerkenswertes Phänomen: Eigentlich müsste man annehmen, dass eine in ihrem Bestand gefährdete Presse alles tun würde, um Einigkeit zwischen sich und dem Publikum herzustellen – schlimmstenfalls dem Leser nach dem Mund schreiben. Schließlich möchte man doch vom Publikum gekauft und für gut befunden werden, besonders in der Krise.

Aber der Eindruck, dass die veröffentlichte Meinung in den redaktionellen Spalten und die in den Publikumsspalten sich einigermaßen decken würden, kann kaum aufkommen. Im Gegenteil. Öfter habe ich schon die Klage gehört, dass Journalisten sich gar nicht in die Hölle der Leserkommentare begeben wollen, um sich dort Kritik, Vorwürfen und Beschimpfungen zu stellen. Warum auch, wenn es doch keine gemeinsame Grundlage gibt?

Dann schon eher Publikumsbeschimpfung. Beschimpft man die einen Leser, um die anderen zurückzugewinnen? Vielleicht. Jedenfalls herrscht eine beeindruckende Einigkeit im Hinblick auf eine Bedrohung von außen: Putin.

Journalisten erklären, “unsere Werte verteidigen” zu wollen, was im Hinblick auf Menschenrechte, Demokratie und Freiheit einigermaßen lächerlich ist. Meine Menschenrechte werden weder im Irak noch in Moskau angegriffen. Aber Fachblätter für Bildungsfragen wie “Die Welt” klagen ernsthaft, dass Schüler nicht zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden könnten:

“Deshalb könnten sie auch kein Gefühl für die Gefährdung dieses kostbaren Zustands [demokratischer Freiheit] entwickeln, die sich – von der Ukraine bis zum Irak – gerade dramatisch offenbare.”

Die Gefahren für einen freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat inmitten Europas, umgeben von friedlichen und freundlichen Partnern und geschützt vom mächtigsten Militärbündnis aller Zeiten, lägen also viele tausend Kilometer weit weg. Offenbar projiziert “Die Welt” – und nicht nur sie – die Angriffe auf Menschenrechte, Demokratie und Freiheit, die hierzulande stattfinden, dorthin.

Nicht, dass in fernen Ländern keine Menschen in Gefahr wären. Das sind sie. Aber die Frage, wo und wann der Kampf um Menschenrechte, Demokratie und Freiheit geführt werden muss, wird von Massenmedien – und von den meisten Politikern – in der Regel etwa so beantwortet: Möglichst weit weg. Politische Instabilität können wir uns hier nicht leisten. Jeder Funke könnte doch diese Gesellschaft ins Chaos stürzen, wenn auffällt, dass soziale Privilegien und materielle Güter so ungleich verteilt sind. Der letzte Teilsatz bleibt wohl deshalb meist unausgesprochen, weil es dafür unter den betreffenden Gruppen kein Bewusstsein gibt.

Und weiter: Uns geht’s doch eigentlich gut. Aber die armen Menschen da unten … Tatsächlich ist die Metapher “da unten” nicht als “im Süden” oder “im Tal” misszuverstehen, sondern im Sinn von sozialer Werthierarchie und zivilisatorischem Entwicklungsstand zu interpretieren.

Dass gesellschaftliche Eliten ihren Konflikt mit gesellschaftlich Benachteiligten dadurch beschwichtigen, dass sie sich an Konflikten in anderen Weltregionen beteiligen (um nicht zu sagen: sie schüren), nannte man einmal Sozialimperialismus. Aus nicht näher bekannten Gründen ist dieser Begriff nicht mehr besonders en vogue.

Zeitungskrise durch Online-Kostenloskultur?

Massenmedien sind klassische Vorkämpfer für die Interessen gesellschaftlicher Eliten. Sie rekrutieren sich vielfach aus privilegierten Familien, schildern und bewerten das Zeitgeschehen primär aus der Perspektive von Eliten.

Ein aktuelles Beispiel sind die gesellschaftlichen Spannungen, die gerade in Ferguson, Missouri, hochkochen und in den USA als “Rassenunruhen” verstanden werden: Sie gelangten erst in dem Moment zu nennenswerter Medienaufmerksamkeit sowohl in der überregionalen US-Presse als auch in Europa, in dem Journalisten unmittelbar betroffen waren. (Dieser Artikel analysiert die US-Berichterstattung an Beispielen. Der Basketball-Superstar Kareem Abdul-Jabbar kritisiert derweil auf time.com in sehr lesenswerten, markigen Worten die Ablenkung vom eigentlichen Problem.)

Das bleibt nicht ohne Auswirkungen: Die gesellschaftliche Mehrheit liest keine Print-Zeitungen mehr. Die Grafik der FAZ zeigt: Nachdem von 1950 bis 1983 die Auflage deutscher Tageszeitungen sich auf 30,1 Millionen mehr als verdoppelt hatte, sank sie etwa ebenso schnell wieder ab auf 17,3 Millionen Zeitungen 2013.

Hat die vielbeschworene “Kostenloskultur im Internet” etwa schon seit der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre die Auflagen sinken lassen? Nein. Aber es gibt eine andere Entwicklung, die sich mit Sicherheit ziemlich genau auf diese Kurve der Zeitungsverkäufe legen ließe: Die Entwicklung gesellschaftlicher Ungleichheit.

Seit Anfang der 1980er-Jahre steigt die Ungleichheit in Deutschland, während die Auflagen fallen. Das bedeutet, dass kleiner werdenden Einkommenseliten ein größerer Anteil am Gesamteinkommen zufließt, während auf der anderen Seite die Armen und Armutsgefährdeten mehr werden und auch das Ausmaß ihrer Armut wächst.

Entwicklung der Parteimitgliedschaften seit 1946, Niedermayer 2014Ebenfalls parallel zur Auflagenentwicklung verhielten sich die Mitgliederzahlen deutscher Parteien etwa seit 1950. Seit ihrem Höhepunkt Anfang der 1980er-Jahre sinken sie. Es ist bekannt, dass politisches und gesellschaftliches Engagement eng mit sozialem Status zusammenhängt: Menschen mit geringem Einkommen sind nur halb so häufig Parteimitglieder wie Menschen mit mittlerem und hohem Einkommen.

Die Differenz zwischen Einkommensgruppen ist noch deutlicher bei der Beteiligung an Unterschriftensammlungen, Gewerkschaftsmitgliedschaft oder der Teilnahme an Demonstrationen, hielt der dritte Armutsbericht der Bundesregierung 2008 fest:

Dritter Armutsbericht, 2008Wer das alles nicht tut, muss sich auch nicht informieren. Im Prozess der Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten sind Presseprodukte so ungefähr die erste regelmäßige Anschaffung, auf die man verzichten kann. Für die Armen gibt’s ja Fernsehen, das hat schon lange den Auftrag zur “Grundversorgung” mit Information und Unterhaltung. Seit Mitte der 1980er wurde durch die Privatsender das Unterhaltungsangebot breiter. Man kann sich leicht selbst überzeugen, auf welche Zuschauerschichten deren Programm zugeschnitten ist, wessen Erfahrungen und Perspektiven es aufgreift.

Kaputte Kommentarkultur?

Die Kostenloskultur im Internet kommt dann doch noch ins Spiel: Da können nämlich Milieus zurückkehren, denen das Zeitungsabo längst zu teuer geworden ist, auch, weil da ohnehin immer nur Sachen drinstehen, die nichts mit dem eigenen Leben, der eigenen Perspektive zu tun haben. Diese Milieus kommen zurück in die kostenlosen Online-Ausgaben und in deren Kommentarbereiche. Dort verleihen sie ihrer Entfremdung von den Eliten, um deren Perspektiven es in der Zeitung geht, lautstarken Ausdruck.

Trotz des Fehlens theoretischer Grundlagen zieht sich ein Schimpfen auf “die da oben”, oft genug aber auch auf spezifische Gruppen “da unten” durch viele Kommentardebatten. Bezeichnenderweise werden dabei Journalisten vielfach zu “denen da oben” gezählt, Forentrolle zu “denen da unten”. Die Kommentarbereiche gehen dadurch kaputt, sagen viele Presseleute – und gewiss ebenso viele Leserinnen und Leser. Aber die Letzteren, die sieht man normalerweise nicht, weil sie sich naserümpfend fernhalten von den Jauchegruben der Online-Kommentare.

Der neueste Clou für Online-Zeitungen ist, auf Paid Content zu verzichten, aber für die Lizenz zum Kommentieren Geld zu verlangen: Paid Comment. Ich vermute, dass man damit Leute, die bisher vor allem ihrer Ablehnung der elitären Perspektiven Ausdruck verliehen haben, wirksam davon abhält, ihre Stimmen in den Zeitungsforen hörbar zu machen. Ob das für sie ein Verlust ist, weiß ich nicht – weil sie bisher zwar hörbar waren, aber in der Regel unverstanden blieben.

Einigkeit und Konflikt im Kampf um Positionen

Die allermeisten Zeitungen, die man für Geld kaufen kann, schreiben also für gesellschaftliche Eliten, und angesichts der auseinanderklaffenden Einkommensschere und der Holzschnittartigkeit des bipolaren Modells wäre es nicht abwegig, hier von einer herrschenden Klasse zu sprechen. Zwar ist diese herrschende Klasse auch in sich zerstritten, ebenso wie die unteren Klassen. In der Frage der Beziehung zu Russland treten diese Differenzen aber in der Öffentlichkeit nicht deutlich hervor.

Man kann davon ausgehen, dass in einer wesentlichen Frage die Differenzen innerhalb der Sichtweisen der herrschenden Klasse geringer ausfallen als sonst – und im Gegensatz zu Afghanistan, Irak, Iran, Syrien und selbst Israel ist Russland eine wesentliche Frage. Russland ist sozusagen der eigentliche Sinn der NATO. Die Einbindung vieler außenpolitisch interessierter Journalistinnen und Journalisten in transatlantisch-NATO-orientierte Eliten-Netzwerke ist bekannt. Und wenn die EU sich nicht als große Alternative zu Russland inszeniert, dann besteht sie ja nur noch aus einem Haufen zerstrittener Staaten, die sich gegenseitig die demokratischen Möglichkeiten streitig machen. Eine Bedrohung von außen sorgt für Einigkeit im Innern – das gilt auch für die EU.

Nun hat die Presse neben dem Widerspruch zur öffentlichen Meinung “von unten” noch das Problem, dass ihre eigene Zukunft in Gefahr ist. Journalistinnen und Journalisten sind mittelfristig ebenso vom sozialen Abstieg bedroht wie die zugehörigen Verlagsmitarbeiter, und zwar nicht nur in ökonomischer Hinsicht.

Die FAS schrieb vorige Woche “In eigener Sache” über den Verlust ihrer Deutungsmacht:

“Das Internet vermiest den Zeitungen nicht nur das Anzeigengeschäft, es untergräbt auch ihre Autorität. Wir Journalisten haben das Monopol als Experten für Nachrichten und Kommentare ein für alle Mal verloren. Für die Leser ist die neue, vielfältige Welt großartig. Die Journalisten allerdings sind entmachtet. Ihre Hoffnung bleibt, dass sie doch noch gebraucht werden.”

Bourdieus Habituskonzept als Erklärungsansatz für Elitenkonformität

Das entscheidende Merkmal dafür, ob man zu der herrschenden Klasse gehört, ist laut dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu der richtige Habitus. Dazu zählen Verhaltensmuster, Überzeugungen und andere Distinktionsmerkmale, die der Abgrenzung von den unteren Klassen dienen können. Ganz offensichtlich kann man sich nun als vom sozialen Abstieg bedrohter Reporter der herrschenden Klasse zugehörig fühlen und von den unteren Klassen abheben, wenn man die herrschenden transatlantisch-NATO-orientierten Überzeugungen der politischen Eliten teilt und in der Öffentlichkeit vertritt.

Für die sicherheitspolitischen Redakteure mancher Zeitungen wäre es auch praktisch fatal, wenn sie plötzlich – entgegen dem Trend – Positionen verträten, die bei ihren regelmäßigen Gesprächspartnern und Informationsquellen Irritationen auslösen würden. Und die Vernetzung mit diesen Sicherheitsexperten ist schließlich wesentlicher Bestandteil des sozialen Kapitals, bei dessen Wegfall diese einflussreichen Presseleute ihre Jobs nicht mehr so wohlinformiert machen könnten wie zuvor.

Zuletzt möchte ich auf zwei Eigenschaften hinweisen, die der Habitus nach Bourdieus Analyse hat. Erstens ist er verhältnismäßig stabil. Auch wenn die äußeren Rahmenbedingungen sich geändert haben, begrenzt der gewohnte Habitus die Denk- und Handlungsoptionen. Das Revival der Kalten Krieger erklärt sich nicht zuletzt damit, dass die heute einflussreichste Generation wesentliche Teile ihres Habitus in dieser Zeit erworben hat.

Zweitens prägt der Habitus auch unsere Wahrnehmungsweisen. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, den “Führern der freien Welt” Glauben zu schenken, die Äußerungen aus Moskau aber als Propaganda abzutun, kann sich dieses Wahrnehmungsmuster schwer wieder abgewöhnen. Und wer aus Gewohnheit in Leserkommentaren, die weder den eigenen Standards der Höflichkeit noch denen der Rechtschreibung genügen, keinen zumindest diskussionswürdigen Beitrag zur eigenen Weltsicht erkennen kann, wird das auch dann nicht können, wenn die trolligen Kommentatoren sich diesmal ausnahmsweise einig sein sollten in ihrer Abscheu gegen die “Systempresse”. „Die Wut und die Medien“ erschien zuerst bei carta.info

 

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Matthias Krämer

Matthias Krämer
Matthias Krämer (*1980) studierte Geschichte, Philosophie und Kulturwissenschaft in Bremen und Augsburg. Er forscht zur Historiographiegeschichte im 20. Jahrhundert. Sein Forschungsschwerpunkt auf Wissenschaftsgeschichte und sein Verständnis von Wissenschaft als eines kritischen öffentlichen Kommunikationsprozesses bestimmen auch sein Interesse an Journalismus und Massenmedien.