Herr Maas, wir müssen nochmal über die #ehefüralle reden

Sehr geehrter Herr Maas,

ich entnahm heute morgen der Tagespresse, dass Sie bei muslimischen Menschen die nach Deutschland kommen, die Anerkennung einer „Mehrfach-Ehe“ verweigern wollen. Es geht Ihnen hierbei darum, dass Sie die bisherige Praxis einer stillen Duldung von polygamen Ehen beenden wollen. Durch diese Änderung soll endlich „gleiches Recht für alle“ gelten. Oberflächlich, für die monogamen Menschen, scheint das logisch und richtig zu sein. Die Ehe besteht aus monogamer Sicht nun einmal „naturgegeben“ aus zwei Personen. Doch wird hier eine Chance verpasst, die Ehe endlich wirklich für alle zu öffnen.

Mittlerweile, im 2. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wird nach und nach immer sichtbarer und es wird demnach akzeptierter, dass Menschen zu weil nicht nur einen Partner haben möchten. Diese Partner in polyamanten oder polyamourösen Beziehungen wissen voneinander und haben in der Regel feste Absprachen nach teilweise sehr strengen ethischen Regeln. So entstehen Netzwerke der Verantwortung, Liebe und ja auch Sex. Manche dieser Netzwerke sind freizügiger, andere weniger. Manche sind vergleichbar mit traditionellen polygamen Ehen in der eine Frau mit mehr als nur einem Mann zusammen ist oder umgekehrt. Manchmal ist es auch ein wilder Mix aus verschiedenen Menschen und Geschlechtern. Das heißt, eine zeitgemäße Vielehe oder einfach eine polyamante Ehe ist ein Konstrukt aus Konsens, Übereinstimmung und gegenseitigem Respekt.

Das hieße, wenn es in Deutschland möglich gemacht werden würde, mehr als eine Person zu heiraten, dann könnte zum Beispiel eine Frau eines Mannes, der drei weitere Frauen hat, eine weitere Partnerschaft und auch Ehe eingehen. Es wäre demnach theoretisch ihr gutes Recht nach deutschem Gesetz. Wenn es denn so ein liberales, auf Gegenseitigkeit beruhendes Eherecht für Ehen mit mehr als zwei Personen gäbe. Diese Familie mit einem Ehemann und vier Ehefrauen würde hier in Deutschland erfahren, dass ihre Form der Ehe anerkannt wäre. Es müsste natürlich viel aus dem ganzen Katalog an Vorrechten, Privilegien und auch Pflichten von Eheleuten an die neue Situation angepasst werden. Ja, wir müssen auch gesondert und sehr intensiv über die Zukunft des Ehegattensplittings reden. Doch zuerst hätten diese Menschen mit ihrer Familie Rechtssicherheit. Danach würde ein weiterer Effekt eintreten. Bei legalen Mehrfachehen die in Deutschland also demnach Beziehungsnetzwerke auf Augenhöhe mit gleichen Rechten wären, würden diese zugewanderten Menschen lernen, dass die Vielehe hier etwas anders funktioniert: Alle Partner haben das gleiche Recht sich jeweils Partner zu suchen. Das würde sich auch darin niederschlagen, dass es nicht nur um das reine Heiraten geht, sondern um das Beziehungsleben insgesamt.

Wir würden es schaffen, Traditionen aus anderen Ländern und Regionen aufzufangen und flexibler in unsere von Gleichstellung und Demokratie geprägte Gesellschaft zu integrieren. Das würde auch eine sehr aktive und lebhafte Integrationskultur voraussetzen. Es würde heißen, dass Poly-Gruppen sich zum Beispiel mit muslimischen Familien mit mehr als einer Ehefrau austauschen könnten. Ich würde gerne das Potenzial ausloten, wie Integration von Lebensmodellen ohne Verbote sondern mit Austausch und gegenseitiger Annäherung aussehen könnte. Früher oder später muss die #ehefüralle auch wirklich realisiert werden. Sei es für gleichgeschlechtliche Zweierbeziehungen oder auch für Beziehungen mit mehr als zwei Personen jedweden Geschlechts.

Daher Herr Maas, würde ich gerne sehen wie wir dieses Gespräch führen anstatt eine weitere Verbotsdebatte durchs Land zu treiben. Die Verbotsdebatte schürt nur Ressentiments gegenüber Menschen, die in unser Land kommen und gegenüber dem Konzept der Polyamorie als aufgeklärtes, verantwortungsbewusstes Beziehungsmodell. Lassen Sie uns mehr Zukunft und weniger Vergangenheit wagen, Herr Justizminister!

 

Mit freundlichen Grüßen

Elle Nerdinger
Mitglied von Haus Nerdinger

 

Beitragsbild CC-BY 2.0  Robert Ashworth auf Flickr

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Elle Nerdinger

Elle Nerdinger
1978 in Freiburg geboren, Studium der Germanistik mit Nebenfächern Geschichte und Kunst- und Designwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal, Wissenschaftliche Referentin im Bereich Kulturpolitik Schwerpunkte: – Förderung und Stärkung der Sichtbarkeit und politischen Anerkennung der Hackerspaces, Makerspaces und FabLabs – Stärkere Förderung und Sichtbarmachung von Medienkunst und Digitalkultur, Mitglied im Chaos Computer Club, Erfa-Kreis Düsseldorf (Chaosdorf), Aktivitäten vor allem im Bereich Design, Netz- und Digitalkultur, sowie Foodhacking, Mitglied im Cyborgs e.V. Koordination der Cyborgs e. V. Aktivitäten für NRW, wohnhaft in Düsseldorf