Neues Online-Archiv mit Erinnerungen von Zeitzeugen an die Okkupation in Griechenland von 1941 bis 1944

Voller Saal in der 'Topographie des Terrors' bei bei der Vorstellung des Interview-Archivs 'Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland', 23.4.2018 Bildquelle: Freie Universität Berlin

Eine Pressemitteilung der Freien Universität Berlin aus Anlass der Präsentation des Online-Archivs

Ein neues digitales Archiv mit Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Besatzung Griechenlands durch das nationalsozialistische Deutschland ist am Montag in Berlin vorgestellt worden. Es umfasst 90 öffentlich zugängliche lebensgeschichtliche Video-Interviews. Die Interviewten sprechen über die Zeit der Okkupation von 1941 bis 1944 aber auch über die jeweiligen Lebensumstände in den Jahren davor und danach. Die Video-Interviews wurden mit Menschen unterschiedlicher Erfahrungshintergründe in Griechenland, Deutschland und Israel geführt: Zu Wort kommen etwa griechische Widerstandskämpferinnen und -kämpfer, Überlebende der von den Deutschen verübten Massaker, Personen, die bei Razzien verhaftet und nach Deutschland deportiert wurden, Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, verfolgte Jüdinnen und Juden, sowie Zeuginnen und Zeugen von Bombenangriffen. Unter den Interviewten finden sich auch bekannte Persönlichkeiten wie der frühere Staatspräsident Griechenlands Karolos Papoulias und der Widerstandskämpfer Manolis Glezos.

In dem Projekt arbeiteten die Freie Universität Berlin und die Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen zusammen. Angesiedelt ist das Online-Archiv am Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität Berlin. Das Projekt wird dort geleitet von Prof. Dr. Nicolas Apostolopoulos (CeDiS); die wissenschaftliche Projektleitung in Griechenland liegt bei Prof. Dr. Hagen Fleischer von der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen. Die Finanzierung des Projekts übernahmen das Auswärtige Amt aus Mitteln des „Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds“ sowie die Stavros Niarchos Foundation und die „Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“.

In den Jahren 1941 bis 1944 wurde Griechenland von Deutschland besetzt. Über 100.000 Menschen verhungerten, weitere 60.000 jüdische Griechen wurden deportiert und ermordet, annähernd 50.000 Zivilisten fielen sogenannten Vergeltungsmaßnahmen zum Opfer. Über die Besatzung Griechenlands ist in beiden Ländern sehr wenig bekannt. Das Interview-Archiv soll dazu beitragen, dass die Kriegsverbrechen auf griechischem Boden einer möglichst großen Öffentlichkeit bewusst werden.

Die Eröffnung im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors fand in Gegenwart von Argyris Sfountouris und Efstathios Chaitidis statt (Biografien unten im Text). Beide haben als Kinder Massaker in ihren Dörfern überlebt. Ihre Erinnerungen und die aller anderen Zeitzeugen wurden für das Internet aufbereitet; sie wurden ins Deutsche übersetzt, untertitelt und um umfassende Recherchemöglichkeiten ergänzt. Das Online-Archiv enthält neben den lebensgeschichtlichen Interviews Fotos, historische Dokumente und weitere Begleitmaterialien. Die Sammlung steht ab sofort Lehrenden und Forschenden sowie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Theodoros Daskarolis, Botschafter der Hellenischen Republik in Deutschland, erklärte: „Da die Jahre der deutschen Besatzung Griechenlands Konsequenzen von zentraler Bedeutung nach sich zogen, die bis heute andauern, sollte die Pflege der Erinnerungskultur ein essenzielles Kapitel der deutsch-griechischen Beziehungen sein. Der Beitrag des Online-Archivs besteht darin, dass es Menschen das Wort gibt, die stellvertretend für alle Griechen stehen, die die Ereignisse der deutschen Besatzung am eigenen Leib erlebt haben und deren Erlebnisse während dieser Zeit ihr ganzes Leben maßgeblich bestimmt haben. Somit ist es ein wichtiger Baustein zur geschichtlichen Aufarbeitung.“

Der Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Michael Roth, sagte: „Die Bewahrung der Erinnerungen von Zeitzeugen durch das neue Online-Archiv leistet einen wichtigen Beitrag zur notwendigen wissenschaftlichen Aufarbeitung der Verbrechen während der deutschen Besatzung in Griechenland. Das Archiv ermöglicht zugleich einer breiten Öffentlichkeit einen authentischen Eindruck über diese düstere Epoche, indem sie das Unfassbare anhand menschlicher Schicksale greifbar macht, und mahnt zugleich künftige Generationen.“

Prof. Dr. Nicolas Apostolopoulos, Projektleiter der Freien Universität Berlin, betonte: „Mit dem Archiv wollen wir die Lebensgeschichten griechischer Zeitzeugen den späteren Generationen über das Internet zugänglich machen. Das Archiv leistet eine wertvolle Hilfe zur Bewahrung und Verbreitung der geschichtlichen, kulturellen und politischen Erinnerungskultur zwischen beiden Ländern. Mithilfe der Digitalisierung und der systematischen wissenschaftlichen Erschließung des Materials entsteht eine weitere wertvolle historische Quelle, die dauerhaft verfügbar ist und durch Kommentare, Ergänzungen und Erweiterungen ständig aktualisiert wird.“

Prof. Dr. Hagen Fleischer, wissenschaftlicher Projektleiter, Nationale und Kapodistrias-Universität Athen, erklärte: „Die meisten Fernsehzuschauer reagierten überrascht, als im März 2014 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck bei seinem Staatsbesuch in Griechenland in einer der zahlreichen Opfergemeinden der deutschen Besatzungszeit sichtbar bewegt um Verzeihung bat: Verzeihung nicht nur für ein konkretes Massaker von 1943 an Greisen, Frauen und Kindern, sondern auch für die ‚zweite Schuld‘, das jahrzehntelange Ignorieren der vielfachen ersten Schuld seitens der Bundesrepublik. Auch auf Gaucks Drängen nahm dann der ‚Deutsch-Griechische Zukunftsfonds‘ zur historischen Aufarbeitung und Versöhnung seine Tätigkeit auf; in diesem Rahmen läuft seit 2016 ein anspruchsvolles Forschungsprojekt. Bereits über 80 griechische Zeitzeugen wurden interviewt, die wissenschaftliche Auswertung der gefilmten Interviews wird fortgesetzt, aber auch die Integration in den Schulunterricht beider Länder ist geplant und eingeleitet.“

„Die Stavros Niarchos Stiftung ist stolz darauf, dieses wertvolle, digitale Oral-History-Archiv zu unterstützen“, sagte Panos Papoulias, stellvertretender Direktor für Programme und strategische Initiativen der Stavros Niarchos Stiftung. „Die digitale Bereitstellung wird die Sammlung für viele leicht zugänglich machen, eine wichtige Komponente der umfassenden und nachhaltigen Arbeit, die über die heutige Gesellschaft hinausgeht und den nachfolgenden Generationen zugutekommt.“

Zwei der rund 90 interviewten Zeitzeugen des Online Archivs sprachen auf der Veranstaltung:

Efstathios Chaitidis (Jahrgang 1935) überlebte am 23. April 1944 das von den Deutschen in Kooperation mit griechischen Kollaborateuren – Männern der „Nationalen Griechischen Armee“ – verübte Pyrgoi-Massaker in Kozani im Norden des Landes. Dabei wurden Männer, Frauen und Kinder ermordet. Die Frauen und Kinder wurden großteils in die Scheunen eines Dorfes getrieben und bei lebendigem Leib verbrannt. Das Dorf wurde vollständig zerstört. Aufzeichnungen aus den Dörfern von Vermio und Pyrgoi zufolge starben an diesem Tag 563 Menschen. Das Pyrgoi-Massaker war Teil des „Unternehmen Maigewitter“, einer großangelegten Vernichtungsaktion der Deutschen gegen die Partisanenarmee der Kommunistischen Partei Griechenlands. Efstathios Chaitidis entkam dem Massaker gemeinsam mit seinem Vater. Alle anderen Mitglieder der Familie Chaitidis wurden von den Deutschen ermordet. Seine Mutter, seine Großmutter und seine vier Geschwister verloren mit anderen in den Scheunen des Dorfes ihr Leben, als diese in Brand gesetzt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sein Vater 1947 während des Bürgerkriegs von einem Volksgericht der Demokratischen Armee Griechenlands hingerichtet. Efstathios Chaitidis zog zu seinem Onkel und seiner Tante und wuchs dort auf. Nach seinem Militärdienst emigrierte er 1959 als Gastarbeiter nach Deutschland. Von 1960 bis 1966 studierte er Zahnmedizin in München. Von Deutschland aus engagierte er sich gegen die Militärdiktatur in Griechenland (1967–1974). Dabei beteiligte er sich an Demonstrationen und anderen politischen Aktionen. Er war Mitglied der „Bewegung Griechischer Wissenschaftler gegen die Diktatur“ in München und gründete das „Panhellenische Anti-Diktatur Komitee“. Daraufhin entzog ihm die Junta Griechenlands den Pass und die griechische Staatsbürgerschaft. Er beantragte und erhielt politisches Asyl in Deutschland. Im Jahr 1969 promovierte Efstathios Chaitidis, fünf Jahre später heiratete er. Efstathios Chaitidis ist Vater von fünf Kindern. Im Jahr 2015 kam die auf seinem Leben basierende Dokumentation „Paradoxe Heimat“ unter der Regie von Nikos Aslanoglou in die Kinos; sie wurde mit dem Publikumspreis beim Thessaloniki Film Festival ausgezeichnet.

Link zum Online-Interview von Efstathios Chaitidis: https://archive.occupation-memories.org/de/interviews/mog057

Argyris Sfountouris (Jahrgang 1940) wuchs in Distomo (Böotien) auf. Im Alter von vier Jahren erlebte und überlebte er zusammen mit seinen drei älteren Schwestern das Massaker von Distomo. Dabei wurden 34 Mitglieder seiner Familie ermordet: Männer, Frauen und Kinder. Zu den Opfern gehörten auch seine Eltern. Seinen Vater sah er in die Schläfe geschossen tot auf der Straße liegen, nachdem dieser das Haus der Familie verlassen hatte, um mit den Deutschen zu sprechen. Seine Mutter wurde mit Nachbarn auf dem Weg nach Distomo von den Deutschen beraubt und erschossen. Auch ihren Leichnam sah der Vierjährige. Das Massaker von Distomo zählt zu den schlimmsten Kriegsverbrechen im besetzten Griechenland: Nachdem eine Kompanie des Regiments einer SS-Polizei-Panzergrenadier-Division bei einer gegen griechische Partisanen gerichteten Vernichtungsaktion rund um das Gebiet der Gemeinde Distomo in einen Hinterhalt geraten war, musste sie sich zurückziehen. Dabei wurden drei Soldaten getötet und 18 verwundet; vier weitere erlagen später ihren Verwundungen. Als Vergeltungsmaßnahme ließ der SS-Hauptsturmführer Fritz Lautenbach wahllos Dorfbewohner ermorden. Nach dem Massaker lebte Argyris Sfountouris zunächst mit seinen Schwestern bei den Großeltern. Er weigerte sich zu essen. Im September 1946 kamen die Geschwister in unterschiedliche Waisenhäuser. Argyris Sfountouris wurde zunächst in das stark überbelegte Kriegswaisenhaus für Jungen in Athen geschickt. Dort setzte sich seine lebensbedrohliche Essstörung fort. Er kam nach Ekali, wo es eine Zweigstelle für Kinder gab, die besondere Pflege benötigten. Im März 1949 wurde Argyris Sfountouris mit weiteren acht Kindern ins Pestalozzi-Kinderdorf im Schweizer Kanton Trogen geschickt, eine internationale Bildungseinrichtung für Kriegswaisen aus Europa. Dort lebte er mit anderen Kindern aus Griechenland im Haus „Argonauten“ zusammen. Zehn Jahre später schloss er das Gymnasium in Trogen mit dem Abitur ab und nahm ein Studium der Mathematik und der Physik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) auf. Im Jahr 1964 arbeitete er als Physiklehrer an verschiedenen Gymnasien in Zürich. Zeitgleich setzte er sein Physikstudium fort und widmete sich der Übersetzung bedeutender griechischer Schriftsteller und Dichter ins Deutsche, darunter Nikos Kazantzakis, Konstantinos Kavafis, Georgios Seferis, Giannis Ritsos und Mikis Theodorakis. Ein Teil seiner Übersetzungsarbeit wurde in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht. Nach dem Militärputsch in Griechenland engagierte er sich gegen die daraus hervorgegangene Diktatur. Als Folge wurde sein Reisepass vom Konsulat nicht verlängert. Seinem folgenden Einbürgerungsantrag in die Schweiz wurde nach einer Wartezeit von 52 Monaten stattgegeben. In den Jahren 1980 bis 1989 verfasste Argyris Sfountouris seine Dissertation an der Technischen Universität Zürich. Nach einem Aufbaustudium arbeitete er bei der Schweizer Organisation „Humanitäre Hilfe des Bundes“ (SHA) und anschließend beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, dem UNHCR. Argyris Sfountouris hielt eine Ansprache zum 50. Jahrestag des Massakers von Distomo. Er verfolgte das Ziel, die Geschehnisse im öffentlichen Bewusstsein auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zu verankern. Dabei ging er gegen die Haltung der deutschen Botschaft vor, die zu dieser Zeit die Geschehnisse von Distomo als „Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung“ verharmloste. Im Jahr 1994 organisierte er maßgeblich eine „Friedenskonferenz“ im Europäischen Kulturzentrum von Delphi, an der 19 Historiker, Journalisten, Widerstandskämpfer, Bildungsvertreter und Anwälte aus Griechenland und der Schweiz als Referentinnen und Referenten teilnahmen. Offizielle Vertreter der deutschen Regierung blieben der Veranstaltung jedoch fern. Im Jahr 1995 strengte Argyris Sfountouris zusammen mit seinen drei Schwestern eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland an. Fast zeitgleich verklagte der Jurist, Politiker und damalige Präfekt von Böotien, Giannis Stamoulis, den deutschen Staat auf Entschädigungszahlungen. Für eine Sammelklage meldeten sich 258 Klägerinnen und Kläger; Argyris Sfountouris zählte dazu. Beide Klagen wurden jedoch abgewiesen. Der deutsche Film „Ein Lied für Argyris“ von Stefan Haupt aus dem Jahr 2007 setzt sich mit dem Leben und Werk von Argyris Sfountouris auseinander; der Film greift insbesondere das Massaker von Distomo und dessen Auswirkung auf das Leben der Hinterbliebenen auf. In seinen Büchern „Trauer um Deutschland“ (2015) und „Schweigen ist meine Muttersprache“ (2017) befasst sich Argyris Sfountouris, ausgehend von seiner Lebensgeschichte, mit den deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland und mit dem Kampf um Anerkennung und Entschädigung. Die vom Journalisten Patric Seibel verfasste Biographie „Ich bleibe immer der vierjährige Junge von damals. Das SS-Massaker von Distomo und der Kampf eines Überlebenden für Gerechtigkeit“ ist 2016 erschienen.

Link zum Online-Interview von Argyris Sfountouris: https://archive.occupation-memories.org/de/interviews/mog041

Das Online-Archiv im Internet: www.occupation-memories.org/de
Website mit Downloads (Dokumente, Bilder und Videos) für Medienvertreter (deutschsprachige Version) http://www.occupation-memories.org/de/press/index.html
Die Nutzung von Fotos ist frei bei Angabe der Quelle Interview-Archiv „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“, Freie Universität Berlin.

Website mit Downloads (Dokumente, Bilder und Videos) für Medienvertreter (griechischsprachige Version) http://www.occupation-memories.org/press/index.html
Die Nutzung von Fotos ist bei Angabe der Quelle Interview-Archiv „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“, Freie Universität Berlin frei.

Kontakt
Prof. Dr. Nicolas Apostolopoulos, Freie Universität Berlin, Telefon: 030 838 52050, E-Mail: napo@cedis.fu-berlin.de
Prof. Dr. Hagen Fleischer, Nationale und Kapodistrias-Universität Athen, E-Mail: hagenfl@arch.uoa.gr 


Wir bedanken uns bei der Pressestelle der FU Berlin für die Zusage zur Zweitverwendung der vollständigen Pressemitteilung

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