Rezension: Wörterbuch des besorgten Bürgers

von Witt thomas (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Robert Feustel, Nancy Grochol, Tobias Prüwer, Franziska Reif (Hrsg.): Wörterbuch des besorgten Bürgers. Mainz: Ventil 2016. ISBN: 978-3-95575-068-8. 152 Seiten, kartoniert. € 14.

Rezensent: Prof. Dr. Martin Haase

Wie der Titel erkennen lässt, setzt sich das Wörterbuch des besorgten Bürgers mit der Sprache der neuen Rechten auseinander. Fast 160 Einträge hat das Wörterbuch, abgerundet durch ein Vorwort und (als Nachwort) das Transkript eines Gesprächs zur gleichen Thematik. Ähnlich wie beim Neusprechblog entstand das Buch aus einem Blog der beteiligten Autoren, das unter dem Titel sprachlos-blog.de seit 2015 erscheint. Dort wird die sprachkritische Auseinandersetzung mit besorgten Bürgern auch nach Erscheinen des Buches fortgesetzt.

Das Wörterbuch leistet wichtige Aufklärungsarbeit, denn es legt offen, wie in rechten Kreisen argumentiert wird, und entlarvt die Argumentation „besorgter Bürger“ als irrig und auf Scheinargumenten basierend. Das Wörterbuch ist dabei nicht in erster Linie linguistisch ausgerichtet (es haben allerdings zwei Linguistinnen mitgewirkt), sondern essayistisch angelegt und schreckt auch vor klaren politischen Bewertungen nicht zurück. Es ist dabei durchweg unterhaltsam geschrieben, wozu auch die unfreiwillige Komik mancher Wortschöpfungen und Zitate beiträgt. Im Grunde ist es kein Nachschlagewerk, die Einträge können vielmehr in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Der am Rand gedruckte Daumenindex ist daher wohl vor allem ironisch gemeint (dabei ist beim Buchstaben „P“ versehentlich die Minuskel verwendet worden). Da die einzelnen Beiträge von unterschiedlichen Autoren stammen, ist das Buch sehr abwechslungsreich, wobei immer ein intellektueller Anspruch besteht, der in scharfem Kontrast zu den zitierten Bürgern steht. So wird im Eintrag „Meinungsfreiheit“ auf Platons Erkenntnislehre zurückgegriffen. Dieser philosophische Ausgriff ist erhellend, zu ergänzen ist jedoch, dass viele „Besorgte“ Meinungsfreiheit mit Redefreiheit verwechseln. Die Artikel sind unterschiedlich lang, wobei die kürzesten für mich die überraschensten waren („Erika“ als chiffrierte Bezeichnung für Angela Merkel, „Merkel-Jungend“ für Antifa und der Eintrag „Systemling“).

Das Vorwort der Herausgeber versucht die Inhalte der Einzelbeiträge zu kondensieren und die Systematik des „Besorgtensprechs“ herauszuarbeiten: Vor allem die Umdeutung von Wörtern steht als Verfahren des „Besorgtensprechs“ im Vordergrund. So werden antifaschistische Gegendemonstranten als „Nazis“ bezeichnet, und „Extremisten“ sind immer die anderen. Systematisch inszenieren sich die Besorgten als Opfer der „Lügenpresse“, der „Fremden“, der „Altparteien“ oder noch schlimmerer dunkler Kräfte.

Ein Aspekt des „Besorgtensprechs“, der allgemein und vielleicht auch in diesem Buch zu wenig Beachtung findet, ist die semantische Offenheit der verwendeten Wörter: Wenn „Mitte“ umgedeutet wird zu dem politischen Ort, wo sich die neue Rechte befindet, so schwingt die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ja noch mit und schafft somit die Basis für andere, sich mit der neuen Rechten zu identifizieren. Ähnlich verhält es sich mit „Demokratie“: die neue Rechte fordert mehr Demokratie, meint damit aber die Herrschaft der eigenen Leute unter Ausblendung von Minderheitenrechten. Das ist zwar sonst nicht mit Demokratie gemeint, aber die Forderung nach mehr Demokratie kann durchaus auch im Umfeld der neuen Rechten auf fruchtbaren Boden fallen und neue Sympathisanten anziehen. Auch deshalb ist es wichtig, über die Sprache der neuen Rechten aufzuklären. Das Buch leistet hier einen wichtigen Beitrag.

Das dem Wörterbuch nachgestellte Literaten-Gespräch soll das Buch offenbar abrunden, fällt aber nicht nur durch den geänderten Schriftsatz (erst Blocksatz, jetzt Flattersatz) aus dem Rahmen. Es geht auch hier um Sprache, aber auf einer etwas abstrakteren Ebene. Wer sich am Ende des Wörterbuchs die Frage stellt, was denn nun zu tun sei im verbalen (und vielleicht auch non-verbalen) Umgang mit Neurechten, erhält zumindest in diesem „Nachwort“ wenig Hilfe.

Das Vorwort und das Wörterbuch selbst überzeugen hingegen sehr. Die Lektüre dieser Aufklärungsschrift ist derart kurzweilig, dass man sich mehr davon wünscht. Zum Glück gibt es sprachlos-blog.de, wo sich eine Fortsetzung findet, die in Buchform gegossen eine erweiterte Neuauflage oder einen zweiten Band bilden könnte. Vielleicht hat der Spuk der „besorgten Bürger“ aber auch so bald ein Ende, dass sich eine Fortsetzung erübrigen würde. Das wäre eine noch bessere, wenn auch weniger wahrscheinliche Perspektive.

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Martin Haase

Martin Haase
Martin Haase ist Inhaber des Lehrstuhls für Romanische Sprachwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Er engagiert sich in der Netzpolitik als Mitglied des Chaos Computer Clubs und im wissenschaftlichen Beirat der OpenKnowledge Foundation Germany, er ist seit 2003 Wikipedianer und seit 2009 Mitglied der Piratenpartei und Peira Gründungsmitglied.