Sag mal ehrlich: Wie ehrlich hättest du es gerne?

Ein bisschen Schwindeln ist gut, oder?

Ein Gastbeitrag von Heiko Schröder, PhD

Wie ist es mit der Antwort auf die einfache Frage: „Wie geht es dir?“? „Gut“, „Sehr gut“, „Recht gut“ sind da häufige Antworten. „Nicht gut“ oder „Ziemlich schlecht“ oder „Ich mag nicht mehr leben“ erwartet man weniger als Antwort. Ist es bei der Antwort nicht auch wichtig, zu berücksichtigen, ob man gerade darüber sprechen mag. Vielleicht hat man die Beschäftigung mit dem eigenen Wohlergehen ja gerade ganz verdrängt und sich in eine Aktivität gestürzt, um sich mit sich selbst nicht zu befassen? Vielleicht will man sich mit dieser Frage im Moment gar nicht auseinandersetzen und sich lieber ablenken. Eine ehrliche Antwort wäre dann: „Ich mag jetzt nicht darüber reden“. Damit hat man aber schon angedeutet, dass man ein Problem hat, und der Frager wird dich beobachten und erwartet eine spätere Antwort. „Mit dir will ich darüber nicht reden“ wäre vielleicht auch eine ehrliche Antwort, aber die wird den Frager vielleicht verletzen und das möchte ich lieber vermeiden.

Es gibt also auch in dieser ehrlichen Gesellschaft Gründe, nicht jederzeit bereit zu sein, alles über sich selbst zu sagen. Gibt es irgendeinen Grund, warum man überhaupt alles über sich sagen sollte, was man weiß? Vielleicht schaden wir uns, wenn wir uns öffnen, auf jeden Fall machen wir uns verletzlich. Wenn wir all unsere Schwächen offenlegen, sind wir vielleicht weniger begehrenswert und haben bei dem Partner unserer Träume gar keine Chance. Wenn wir uns um eine Anstellung bewerben, können wir unsere zukünftigen Chefs beeindrucken indem wir ein bisschen Lügen oder doch wenigstens Übertreiben oder unsere Stärken herausstellen – und es wird erwartet? Auch von den Tieren kennen wir Balzverhalten und wir sind ja Tiere. Haben das schöne Federkleid des Hahnes eine ähnliche Funktion wie hochhackige Schuhe und ein schnelles Auto?

Aber wie ist es mit Freundschaften, wie ist es in einer langjährigen Beziehung, sollten wir uns da immer noch verstellen, immer noch unsere Freunde und Partner mit Lügen täuschen, etwas vorspielen, Teile von uns verbergen? Bringt das dann immer noch Vorteile, oder wenigstens mehr Vorteile als Nachteile, wenn wir vorgeben zu sein, wie wir gar nicht sind? Müssen wir da aus Angst vor dem Verlust der Freundschaft oder gar der Beziehung weiterhin so tun als ob? Schwächen zu bekennen macht uns verletzlich. Unsere Freunde und Partner könnten das ausnutzen – können sie das wirklich?

Ich habe einen kurzen Zeichentrickfilm gesehen: Ein junger Mann fährt mit seinem flotten Sportwagen zu ihr – sie findet ihn uninteressant. Ein anderer Mann steht in der Nähe mit einem Eis, das Eis fällt ihm runter. Gleich danach passiert ihr dasselbe – sie verlieben sich. Es können also vielleicht auch Schwächen sein, die anziehend sind – vielleicht müssen wir nicht immer Stärke demonstrieren. Gut, wir wissen und spüren es in uns, dass besonders stark oder schön zu sein sogar abschreckend sein kann, aber vielleicht gibt es da ja eine „goldene“ Mitte. Also mit ein bisschen Lügen ein bisschen Verbergen kommt man am besten durchs Leben?

Auf die Frage nach Ehrlichkeit gibt es vielleicht gar keine ehrliche Antwort. Ich meine diese Frage in folgendem Sinn: Nehmen wir an, dass wir eine “ideale” Gesellschaft sind, in der ehrliches Verhalten die Norm ist, in der Kinder frei erzogen werden, in der es überwiegend gerecht zugeht. Mir scheint, dass wir uns dieser Gesellschaft sehr langsam nähern. Vielleicht bin ich zu ungeduldig, denn ich möchte eine schnelle Verbesserung und es ist ein weiter Weg. Können und wollen wir, wenn wir in einer solchen Gesellschaft aufgewachsen sind, uns immer ehrlich verhalten? In diesem Szenario kann man vielleicht nicht argumentieren, dass die meisten sowieso nicht ehrlich sind und sich damit Vorteile erschleichen und wir deshalb durch Ehrlichkeit verlieren – es geht ja überwiegend gerecht zu.

Die Frage ist also: Sind wir in einer idealen/zukünftigen Gesellschaft zu Ehrlichkeit fähig, wollen wir totale Ehrlichkeit, oder mit wieviel Ehrlichkeit fühlen wir uns wohl.

Die ehrliche Gesellschaft

Ich halte Ehrlichkeit für die Eigenschaft einer Gesellschaft, denn es scheint mir sicher, dass die Ehrlichkeit der Bürger untereinander einhergeht mit der Ehrlichkeit in allen Bereichen unserer Gesellschaft – also zum Beispiel führen wenig Steuerbetrug und wenig Korruption unter den Reichen auch zu weniger Betrug beim Rest der Bevölkerung. Sicher gilt auch umgekehrt, dass es in einer Gesellschaft überwiegend ehrlicher Bürger auf allen Ebenen wenig Betrug gibt.

In dem Buch „Lügen“ von Sam Harris steht: „Man kann leben ohne zu lügen, und zwar gut.“ Hat er recht? Herman van Veen fordert schonungslose Ehrlichkeit in Beziehungen in dem folgenden Liedtext: „Lüg mich bitte nicht an – nicht über was Großes, nicht über was Andres – lieber hör ich das Vernichtendste – als dass Du lügst – denn das ist noch vernichtender“. Carl Rogers, der Vater der Gesprächspsychotherapie, sagt „The facts are always friendly, every bit of evidence one can acquire, in any area, leads one that much closer to what is true“ und spricht sich damit auch gegen jede Form von Unwahrheiten aus.

Bei der Ehrlichkeit auf politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene sieht es deutlich anders aus. Jörg Himmelreich schreibt:

Schon nach Machiavelli galt “für Demagogen, Autokraten und Diktatoren die politische Lüge zum System ihrer Herrschaft. Mit unerfüllbaren Versprechen lügen sie sich an die Macht, die sie dann nur mit der fortgesetzten Lüge aufrechterhalten können, um zu erklären, warum das Versprochene nicht eintritt.”

Jörg Himmelreich führt weiter aus: “Wenn heute der US-Präsident Trump die Vorwürfe gegen seine Lügenherrschaft als „fake news“ diskreditiert und „alternative Fakten“ einführt, ist er bestrebt, innenpolitisch gegenüber seinen Wählern seine Lügen als die geltende Wahrheit durchzusetzen.” Auch Boris Johnson scheint ein Anhänger Machiavellis zu sein, genauso wie Putin, Erdogan und George Bush, der uns mit Massenvernichtungswaffen belog.

Hannah Arendt schreibt in “Wahrheit und Lüge in der Politik: Zwei Essays“: “In einer Welt, in der man mit Tatsachen nach Belieben umspringt, ist die einfache Tatsachenfeststellung bereits eine Gefährdung der Machthaber” und “Wo prinzipiell und nicht nur gelegentlich gelogen wird, hat derjenige, der einfach sagt, was ist, bereits zu handeln angefangen, auch wenn er dies gar nicht beabsichtigte.“ Das gilt sicher für das Schicksal des chinesischen Arztes Li Wenliang, der die ersten Corona Erkrankungen gemeldet hat und deshalb zum Schweigen gezwungen wurde (und wenig später selbst an der Erkrankung starb). Das gilt sicher auch für diejenigen die auf die Lügen von Trump hinweisen und deshalb selbst als  Lügenpresse beschimpft (und zu seinen politischen Gegnern gemacht) werden. Die Schuldzuweisung an den Überbringer schlechter Nachrichten ist ein häufiges Thema in der Öffentlichkeit.

Der Ehrlichkeits-Kreislauf

Ehrlichkeit ist auch eine Eigenschaft eines Landes, also sowohl die Ehrlichkeit im privaten Bereich als auch die Ehrlichkeit in Wirtschaft und Politik. Dabei entspricht der Lüge unter den Bürgern die Korruption in Wirtschaft und Politik. In den skandinavischen Ländern geht es wohl etwas gerechter zu als in dem Rest Europas, das Vertrauen ist deutlich größer und es gibt eine Reihe von Quellen die die Ehrlichkeit der skandinavischen Bürger preisen.

Ebenso ist die Korruption in skandinavischen Ländern deutlich geringer als im Rest der Welt. Die vier skandinavischen Länder bilden neben Neuseeland und Singapur die Länder mit dem geringsten Korruptionsindex. Während die meisten Länder der EU auf den Plätzen 11 (Deutschland) bis 67 (Griechenland) deutlich mehr Korruption und damit weniger Ehrlichkeit in der Geschäftswelt und der Politik vorweisen können. Am Ende der Skala, auf den Plätzen 176 bis 179, liegen die Länder Jemen, Südsudan, Syrien, Somalia. Das Geldbörsenexperiment (was passiert mit einer Geldbörse mit Geld, die offensichtlich jemand verloren hat?) zeigt sehr genau das gleiche Ergebnis, Skandinavier behalten eine gefundene Geldbörse am wenigsten, die deutsche Bevölkerung folgt auf Platz 11. Es erscheint plausibel, dass das Verhalten der Regierungen und der reichen Menschen (also der Vorbilder) eines Landes auf die Bevölkerung abfärbt.

Wie hängen die verschiedenen Kriterien Glück, Ehrlichkeit, Korruption, Gini-Index und Glücksindex zusammen. Die Korrelation ist deutlich; aber was sind die kausalen Zusammenhänge? Es erscheint mir offensichtlich, dass Glück am Ende dieses Kausal Netzwerkes steht. Vielleicht stehen mehr Gerechtigkeit und ein kleiner Gini-Index vorne und führen zu mehr Vertrauen.

Mehr Vertrauen erlaubt mehr Ehrlichkeit und reduziert die Korruption und fördert auch die Demokratie. Mehr Ehrlichkeit und weniger Korruption und ein funktionierendes demokratisches System verstärken sich gegenseitig und führen zu einer Erhöhung des Glücksgefühls in der gesamten Bevölkerung.

Abbildung 1: Der Ehrlichkeits-Kreislauf

Es gibt sicher auch die im Diagramm in roter Schrift gezeigten Rückkopplungen, dass nämlich ein höherer Glücksindex und damit mehr Zufriedenheit mehr Empathie erlaubt, was wiederum das Vertrauen stärkt. Und mehr Demokratie kann zu veränderten Steuergesetzen und damit zu einem kleineren Gini-Index führen. Dieses Diagramm stellt einen „Ehrlichkeits-Kreislauf“ dar. In solchen Kreisläufen kann es sowohl positive als auch negative Rückkopplung geben.

Am Beispiel der europäischen Staaten kann man sehen, dass diese positive Rückkopplung nicht immer ungebremst vorangeht. So ist der Gini-Index in vielen Ländern in den letzten Jahren etwas gewachsen. Wenn aber der Gini-Index steigt führt das, wie in Abbildung 1 zu erkennen, zu weniger Vertrauen, weniger Ehrlichkeit, weniger Demokratie und weniger zu Glücksgefühlen.

Ehrlichkeit hat eine gute Chance

Aber vielleicht sind die, die die Schere der finanziellen Ungerechtigkeit weiter öffnen, also den Gini-Index erhöhen und die Unterdrücker der Wahrheit langfristig nicht am längeren Hebel. Seit der Wahl von US-Präsident Donald Trump am 8. November 2016 erleben New York Times, Washington Post, aber auch die britische Tageszeitung The Guardian und das Magazin The Economist eine Art mediale Renaissance. Auch in Brasilien verspüren regierungskritische Medien seit dem Amtsantritt von Präsident Jair Bolsonaro vor einem Jahr publizistischen Rückenwind. Die Furcht vor der Expansion von Rechtsextremismus, Populismus und Autoritarismus führt zu härteren politischen Auseinandersetzungen und einer verstärkten Nachfrage nach journalistischer Berichterstattung und Inhalten.

Donald Trump, Boris Johnson und Jair Bolsonaro bescheren Zeitungen und Verlagen neue Leser. Selbst Entwicklungen, die wie Rückschritte aussehen – und wohl auch welche sind – haben vielleicht positive Auswirkungen. So haben der Brexit und die Wahl von Donald Trump auch dazu geführt, dass vielen Menschen klarer geworden ist, dass sie sich politisch mehr engagieren sollten und dass Kooperation besser ist als Alleingänge. Es gibt also Grund zur Hoffnung.

Ein großes Problem sind zur Zeit die im Internet kursierenden fake news. Um es für uns Bürger einfacher zu machen fake news von news zu unterscheiden, also Lügen zu erkennen, habe ich in einem früheren Beitrag den Vorschlag gemacht auf sozialen Medien “Kommentar-links” zu erzwingen.

Kommentar-links, Versuch einer Lösung

Um es einfacher zu machen, die Argumente der Gegenseite zu sehen und zu verstehen, könnte mit Hilfe von künstlicher Intelligenz ein System entwickelt werden, dass jede auf dem Internet veröffentlichte Meinung und jeder Vorschlag – sei es auf Facebook, Twitter oder irgendwelchen anderen sozialen Medien – automatisch mit anderen Internet Inhalten (z.B. Wikipedia und Internetmedien) abgeglichen wird. Das könnte so gestaltet werden, dass jeder Webseite, jedem Tweed und jeder Facebook Nachricht automatisch ein Link mit dem Namen „Kommentare“ beigefügt wird. Der Link „Kommentare“ führt zu einer Seite, die auf andere Internetseiten weist, welche bestätigen oder widersprechen, was in dem Tweed oder der Facebook Nachricht behauptet wird. Der Autor kann diese Kommentare nicht beeinflussen oder verändern, aber er kann davon lernen und seine Leser können sich dort informieren, insbesondere, wenn sie etwas Zweifel an den Äußerungen des Autors haben.

Diese Kommentare können automatisch mit Hilfe von Suchmaschinen und KI-Algorithmen erstellt werden. Zusätzlich könnte es ein System geben, dass unter anderem durch Beschwerden von Benutzern angestoßen wird. Dieses System sollte durch große Teams von Journalisten unterstützt werden, die recherchieren und selbst Kommentare produzieren oder ergänzen. Solche Journalisten könnten von internationalen Organisationen bezahlt werden. So ein System würde nicht von allen freiwillig übernommen werden. Es müsste gesetzlich vorgeschrieben werden, um uns Bürger vor Fake News zu schützen, genauso, wie es heute Vorschrift ist, dass auf Elektrogeräten deren Energieverbrauch erkenntlich ist, oder wie auf Zigarettenpackungen deutlich auf die Gefahren des Rauchens hingewiesen werden muss. Solche Zwangsmaßnahmen können gerechtfertigt werden, weil sie dem Schutz des Bürgers dienen, ohne Freiheiten einzuschränken.

Ich bin davon überzeugt, dass ein solches System machbar ist, dass es die politischen Auseinandersetzungen versachlichen würde und dass es uns vor allem mehr Ehrlichkeit bescheren würde. Es würde auch den Stand des Journalismus stärken, denn es benötigt viele Internet-journalisten, die als vierte Gewalt auch verhältnismäßig mächtig wären. Da auf Netzwerken wie Twitter und Facebook sowohl private als auch politische Auseinandersetzungen geführt werden, würde die Einführung von solchen Kommentar-links dazu beitragen, mehr Ehrlichkeit der Bürgern untereinander als auch mehr Ehrlichkeit in der politischen Diskussion zu erreichen.

Donald Trump hat seit Amtsantritt mehr als 10.000 mal gelogen, während Obama für seine gesamte Amtszeit 18 Lügen vorgeworfen wurden. Anders ausgedrückt: Trump lügt pro Tag etwa so oft wie Obama in einer Amtszeit log. Wir Durchschnittsbürger scheinen wenigstens zweimal pro Tag zu lügen. Wenn Trumps tweets immer mit realistischen Kommentaren versehen würden, würde er wohl gezwungen sein, sich in seinen Äußerungen mehr an die Wahrheit zu halten.

Unsere Gesellschaft wird ehrlicher

Während Machiavelli den Politikern noch empfahl zu “lügen, bis sich die Balken biegen”, gibt es heute schon viele Politiker die uns Wählern überwiegend ehrlich gegenübertreten wollen. Wir sind aber noch sehr weit davon entfernt, dass wir darauf vertrauen können, was uns von Politikern gesagt wird. Auch in der Wirtschaft gibt es einen Trend zu mehr Ehrlichkeit, denn wir haben Verbraucherschutz Organisationen, die uns helfen, gute Produkte mit fairen Preisen zu finden. Im privaten Bereich sind wir aber schon viel weiter als Politiker und Führer der Wirtschaft. Ehrlichkeit wird zu Hause und in der Schule gefordert, und unter Freunden überwiegend erwartet.

Je weniger wir die andere Person kennen, mit der wir kommunizieren, um so mehr sind wir auch bereit, die Wahrheit nicht so wichtig zu nehmen. Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir ganz ohne zu lügen durchs Leben kommen wollen, auch ohne weiße Lügen und ohne Notlügen? Und was soll es heißen, ehrlich zu sein? Kann man sich ehrlich nennen, weil man nie lügt? Nach meiner Vorstellung nicht. Ich würde wenigstens verlangen, dass man niemanden absichtlich täuscht. Aber absichtlich Täuschen kann auch absichtliches Verschweigen sein. Und was heißt hier absichtlich? Unser Unterbewusstsein bestimmt ja sehr stark, was uns gerade in den Sinn kommt. Was uns nicht in den Sinn kommt, verschweigen wir, ohne uns vorgenommen zu haben, es zu verschweigen – es ist dann ein unabsichtliches Verschweigen, aber wenn wir uns etwas Mühe gäben, würde es uns vielleicht in den Sinn kommen. Dann wäre dies fahrlässiges Verschweigen, weil wir wissen, dass wir es verhindern könnten. Ist das so?

Wir wollen/müssen dazugehören

Einer der größten Beweggründe für unsere Unehrlichkeit ist sicher unser Bedürfnis anerkannt zu werden. Wir wollen uns zugehörig fühlen, wir wollen nicht ausgeschlossen werden. Bei den Aborigines Australiens kommt der Ausschluss von der Gemeinschaft einem Todesurteil gleich. Weltweit wird Isolationshaft – also totaler Ausschluss aus der Gesellschaft – als Folter angesehen. Wir müssen zu einer Gruppe gehören, um zu leben. Unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit sorgt dafür, dass Familien, Vereine, Parteien, Staaten funktionieren und auch Macht über uns haben. Das gilt genauso für Nationalismus, Rassismus und auch für Blasen im Internet.

Unser Verlangen nach Zugehörigkeit kann zu schrecklichen Konsequenzen führen. Nur weil wir uns unbedingt zusammengehörig fühlen wollen, können wir auch jubeln, wenn wir gefragt werden, ob wir den „totalen Krieg“ wollen. Vermutlich ist unsere Fähigkeit zur Ehrlichkeit auch an das Bedürfnis nach Zugehörigkeit gekoppelt.

Foto Grosskundgebung im Berliner Sportpalst 18. Februar 1943 Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-J06318 / Schwan / CC-BY-SA 3.0

Wenn wir die Normen unserer Gruppe verletzt haben, geben wir dies oft nicht zu und sind zur Unwahrheit bereit, denn wir befürchten, dass die Gruppe uns ablehnt und uns sogar ausstößt, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Das gilt für das Kind, das etwas Verbotenes tut, es aber nicht zugibt, und genauso für mich, wenn ich in der Steuererklärung eine Einnahme auslasse.

Wenn man Ehrlichkeit fördern will, muss man die Angst vor dem Ausschluss aus der Gruppe verringern. Schon kleinen Kindern muss klar sein, dass sie auch geliebt werden, wenn sie mal was falsch machen – dann fällt Ehrlichkeit leichter. Das gilt sicher auch für uns alle. Es gibt mehrere große Hürden, die wir überwinden müssen, um zu mehr Ehrlichkeit zu gelangen. Wir haben uns angewöhnt anzugeben und zu übertreiben (eine weitgehend akzeptierte Form von Unehrlichkeit, die auch unter Freunden viel praktiziert wird), unsere Stärken herauszuheben und unsere Schwächen zu vertuschen. Wir geben an mit unserem Wissen, unserem Können, unserer Körperkraft, unserer Schönheit und damit, wohin wir als nächstes in den Urlaub fliegen. Zu wissen, dass man nichts weiß, bringt uns wenig Anerkennung,  man kriegt wohl kaum Anerkennung dafür dass man zugibt, dass man sich schwach fühlt, dass man nicht weiß, wann der Buchdruck erfunden wurde, dass man nicht versteht, ob und wie gefährlich Atomkraft ist, dass man Beethovens 5. Symphonie nicht kennt, dass man auch die Hauptstadt von Island nicht kennt und keine Ahnung von Weinen, Bieren und der französischen Küche hat. Unter Freunden kann man seine Schwächen leichter zugeben als Kollegen gegenüber; aber auch unter Freunden wird übertrieben, beschönigt und verschwiegen.

Wir neigen dazu uns als Helden, oder wenigstens stärker als wir sind, darzustellen, also unsere Schwächen zu verstecken und übersehen dabei, dass , wenn wir unsere Schwächen ehrlich zugeben, wir anderen als sympathisch und liebenswert erscheinen. All dies gilt in gleicher Weise für Politiker und Leiter der Wirtschaft: Es wird angegeben, übertrieben, um sich ins bessere Licht zu setzen.

Da ist auf der einen Seite, was wir leisten wollen und leisten können und auf der anderen Seite, was die Gruppe zu der wir gehören wollen, von uns erwartet und verlangt. Wenn die Gruppe mehr verlangt, als wir leisten können, stehen wir vor der Alternative, entweder von der Gruppe bestraft zu werden und zu riskieren sogar ausgeschlossen zu werden oder uns aus dieser Situation irgendwie raus zu mogeln, durch kleine oder große Unwahrheiten, oder sogar durch Betrug und Verbrechen, etwas zu bekommen, was uns Anerkennung beschert. Unser Ziel als Gesellschaft sollte daher sein, die Schere zwischen Anforderung an uns und unserer Leistungsfähigkeit so weit wie möglich zu schließen. Dabei können beide Scherenblätter bewegt werden – und beides ist nötig.

Die Maßstäbe, welche die Gesellschaft uns eintrichtert, müssen “gelockert” und zum Teil ganz beseitigt werden, dann wird auch unser Unterbewusstsein weniger von uns verlangen. Unser Selbstvertrauen muss erhöht werden, dann können wir uns selbst mehr zutrauen und auch mehr erreichen.

Download des vollständigen Gastbeitrags zu diesen weiteren Themen:

  • – Unsere Helden lassen uns klein und schwach erscheinen
  • – Wir können uns gegen den Rat des Unterbewusstseins entscheiden
  • – Unser Unterbewusstsein trainieren
  • – Optimismus macht Ehrlichkeit leichter
  • – Optimismus macht uns stark
  • – Obrigkeitsdenken reduzieren
  • – Heldentum und Konsumterror reduzieren
  • – Realistische Erwartungen an uns und andere

 

 

Heiko Schröder

Heiko Schröder
Dr. Heiko Schröder ist Professor der Informations- und Kommunikationstechnologie und hat in Deutschland, USA, Großbritannien, Australien, Singapur, Äthiopien, Indonesien und Botswana geforscht und gelehrt.