Aggression in uns

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Ein Beitrag von Heiko Schröder, PhD

 

Aggression ist ein Problem der Gesellschaft

Wenn wir gefragt werden, was sich in unserer Gesellschaft ändern sollte oder ändern muss, damit das Leben für alle besser wird, beklagen wir uns oft über Aggression, Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Meist denken wir dabei an die Aggression einiger weniger, den herrschenden Menschen, den anderen. Ich sehe aber Aggressivität als Eigenschaft der gesamten Gesellschaft und zeige auf, dass die Probleme Aggression und Gewalt vor allem unsere eigenen Probleme sind, dass wir es sind, dass die ganze Welt es ist, die sich ändern, die lernen muss, die es vor allem lernen muss, unseren Kindern ein Umfeld zu geben, in dem sich Gewalt nicht lohnt, in dem sie zu friedlichen und glücklichen Menschen heranwachsen können.

Es ist also das Weltgehirn, was lernen muss. Ich sehe das Weltgehirn als das Zusammenwirken aller menschlichen Gehirne. Im Weltgehirn sind die menschlichen Gehirne die Gehirnzellen, die sich über Synapsen (direkte Kommunikation, Telefon, Fernsehen und das Internet) verständigen und unsere Welt verändern.

Das Weltgehirn erweitert sein Bewusstsein

Wie jedes menschliche Gehirn, hat auch das Weltgehirn ein Bewusstsein und ein Unterbewusstsein. Das Bewusstsein des Weltgehirns ist Wissen, was Regierungen diskutieren und in Erwägung ziehen, während das Unterbewusstsein Wissen ist, was vielleicht schon in vielen Köpfen existiert und vielleicht auch schon in der Literatur und in wissenschaftlichen Abhandlungen existiert, was aber noch keine große Rolle bei politischen Entscheidungen spielt.

Ermöglicht durch das Internet ist dem Weltgehirn vieles bewusst geworden, was ohne die elektronische Informationsverarbeitung nur eine kleine Minderheit erreicht hätte und im Unterbewusstsein stecken geblieben wäre. Der Arabische Frühling, die Me-Too Debatte, die von Greta Thunberg angestoßene Bewegung für den Klimaschutz, das Wissen um grenzenlose und wachsende Ungleichheit in Macht und Besitz, die Proteste in Hongkong, Berichte über die Verbreitung und Bekämpfung des Corona-Virus, die Tötung des Afro Amerikaners George Floyd haben sich ins Bewußtsein des Weltgehirns eingebrannt. All diese Ereignisse hat das Weltgehirn nicht nur gespeichert, das Weltgehirn hat erkannt, dass sich etwas ändern muss und sich auch ändern kann. All diese Ereignisse verlangen Konsequenzen. Durch die weite Verbreitung im Internet sind diese großen Probleme im Weltgehirn aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein gerückt. Die Probleme sind für alle sichtbar geworden und drängen auf Lösungen – politische Lösungen und Veränderungen im Verhalten der Bürger.

Es ist also Weltgehirn, was sich mit den Problemen Aggression, Rücksichtslosigkeit und Egoismus befassen muss. Das Weltgehirn versteht recht gut, wie Aggression aus der Situation heraus entsteht. Es hat Abkommen und Organisationen entwickelt, die Kriege verhindern sollen. Es gibt Wahlen, Demokratien und Menschenrechte. Hierarchien in der Wirtschaft werden flacher. Bedürfnisse der Kinder werden besser erfüllt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Das Weltgehirn hat viel dazugelernt – insbesondere im Bereich der sozialen Kompetenzen. Als Konsequenz hat sich, wie deutlich aufgezeigt von Hans Rosling, Steven Pinker und Max Roser sehr viel verbessert. Aber, frei nach Max Roser: 1) Die Welt ist immer besser geworden, 2) die Welt ist trotzdem schrecklich und 3) die Welt kann und wird sich weiter verbessern. Viele glauben nur an 2 – in diesem Beitrag will ich erklären, warum 1 und 3 auch wahr sind.

Formen der Aggression

Will man Aggression verringern, sollte man verstehen, in welcher Form Aggression auftreten kann. Nolting hat 1978 das Buch “Lernfall Aggression” geschrieben und seitdem viel mehr über das Thema Aggression geschrieben und seine Aussagen mit vielen Forschungsergebnissen unterlegt, z.B. in Psychologie der Aggression – warum Ursachen und Auswege so vielfältig sind.

Nolting sieht als Formen der Aggression die physische Form: Schlagen, Töten, körperliches Bedrohen, die verbale Form: Schimpfen, Spotten, mimische Ausdrucksweisen und die emotionale Form: Ärger, Wut, Groll, Hass. Er schreibt dass aggressives Verhalten häufig ein Versuch ist, ein bestimmtes Problem zu lösen.

Aggressives Verhalten wird dann »instrumentell« eingesetzt, das heißt, es wird versucht, auf diese Weise bestimmte Ziele zu erreichen. Zum Beispiel: Durchsetzung eigener Wünsche und Interessen, die mit Wünschen anderer im Konflikt stehen, oder Beachtung durch andere finden, oder Reaktion auf Aggression anderer (Abwehr), oder Vergeltung erlittener aggressiver Akte. Damit ist auch jede Form der Bestrafung Aggression. Bei dem Versuch Aggression zu definieren läuft man leicht Gefahr, jede Aktivität schon als Aggression zu sehen. Ich möchte aber (angelehnt an Nolting) eine Aktivität nur aggressiv nennen, wenn sie mit der Absicht, andere zu schädigen oder einen Machtgewinn oder einen Vorteil in der Rangordnung gegenüber anderen zu erlangen, einhergeht.

Aggressives Verhalten steht eng im Zusammenhang mit Verhaltensweisen wie Angriff, Flucht und Verteidigung. Die Stärke des aggressiven Verhaltens kann man auf das Zusammenwirken einer aktivierten inneren Bereitschaft (Aggressivität) und einer äußeren Aggression auslösenden Situation zurückführen. Man weiss inzwischen, dass Freud sich irrte, als er Aggression einen Urtrieb des Menschen nannte. Das bedeutet, dass wir uns der Aggression weitgehend entledigen könnten. Die amerikanische Neuropsychologin Naomi Eisenberger fand heraus, dass das Gehirn soziale Ausgrenzung, Demütigung oder Armut genauso empfindet und mit Aggression beantwortet, wie wenn körperliche Gewalt zugefügt wird. Psychologen wissen schon lange, dass Kränkung aggressiv macht. „Dabei werden Teile des neuronalen Schmerzsystems aktiviert, die eigentlich für die Wahrnehmung körperlicher Schmerzen zuständig sind. Das ist der Grund, warum wir nicht nur bei physischem Schmerz mit Aggression reagieren, sondern auch dann, wenn man uns sozial zurückweist“.

Aggression im Freundeskreis

Mich interessieren vor allem die verbalen und emotionalen Formen der Aggression, weil dies die Aggressionsformen sind, die in unserer Gesellschaft am wenigsten geächtet sind und dadurch häufig ausgeübt werden. Oft ist die verbale und emotionale Aggression die Vorstufe zu tätlichen Angriffen, sowohl im persönlichen als auch im  politischen Bereich. Wenn es also gelingt die verbale Aggression zu verringern, wird man daher auch tätliche Angriffe verringern. Mit verbaler und emotionaler Aggression soll oft eine Verbesserung der eigenen Rangordnung oder eine Verschlechterung der Rangordnung anderer erreicht werden.

So scheinen mir die Erzählungen über sich selbst, über besondere Erlebnisse, über Menschen in dem Bekanntenkreis (zum Beispiel Tratsch), über Politik, Politiker, Künstler und Sportler oft dazu zu dienen, den Erzähler selbst aufzuwerten. Berühmte Persönlichkeiten zu nennen, wird im Englischen als Namedropping bezeichnet. Peter Collett bezeichnet das Namedropping als das wichtigste Mittel neben dem place dropping und dem experience dropping, um einen erfolgreichen Aufwertungsversuch zur Hebung des sozialen Status zu starten: „[Es] bedient das uns allen gemeinsame Bedürfnis, übereinstimmender Meinung zu sein. Denn der im Gespräch vermittelte berühmte Name suggeriert dem Gegenüber, dass dieser Namensinhaber ihm auch gewogen erscheint.”

Solche Wettkämpfe des gegenseitigen Beeindruckens spielen sich auf Parties häufig ab, und sind auch in Situationen des Dating besonders ausgeprägt. Ich kann Freunde und einen potentiellen Partner beeindrucken, wenn ich begeistert von meinen Skiabfahrtsläufen in den Alpen erzähle (place dropping). Ich könnte auch erwähnen, dass mein Auto besonders wenig Benzin verbraucht, dass ich nur noch im Bioladen einkaufe, dass ich schon das neue Buch “Kapital und Ideologie” von Thomas Piketty gelesen habe, dass das letzte Bach Konzert mich besonders bewegt hat (experience dropping), dass ich an Amnesty International spende.

Womit ich gerade mein Ansehen verbessern kann, hängt sehr davon ab, wer zuhört. Also rede ich über andere Themen, wenn andere “Freunde” mir zuhören. Solche Kämpfe um Ansehen, sind Kämpfe um die Rangordnung im Freundes- oder Bekanntenkreis. Solche Kämpfe sind Kommentkämpfe und haben meist nicht zum Ziel andere herabzusetzen und auch nicht zu verletzen, denn man will ja die “Freundschaft” erhalten. Aber es geht darum die eigene Rangordnung zu erhalten oder zu verbessern. Das geschieht nicht nur im Bekanntenkreis, sondern auch, wenn Herr Söder die Covid19 Ausbrüche in NRW erwähnt, um Herrn Laschet eins auszuwischen.

Die eigene Position in der Rangordnung einer Gruppe kann man verbessern, indem man sich selbst besonders gut darstellt, oder indem man andere Mitglieder der Gruppe schlecht darstellt, wie es zum Beispiel durch eine Kränkung geschieht. Wenn dies in ihrer Abwesenheit geschieht, mag das in Form von Tratsch geschehen. Wenn sie anwesend sind, gibt es viele Möglichkeiten, ihre Position in der Rangordnung anzugreifen. Man kann sich direkt mit ihnen vergleichen, man kann witzige Bemerkungen machen, man kann sie lächerlich machen, man kann auf ihre Schwächen zeigen (Kränkung).

Wenn solche milden Partykämpfe aus Angst um den Gruppenerhalt geschehen, würden wir sie nicht aggressiv nennen, wohl aber, wenn sie mit der Absicht geschehen, andere zu schädigen oder den eigenen Platz in der Gruppe zu verbessern. Kann ein solches aggressives Verhalten überhaupt vermieden werden? Balzverhalten und Kommentkämpfe, gibt es ja auch bei vielen Tieren. Vielleicht ist es genetisch in uns verankert und kann deshalb gar nicht verhindert werden.

Aggression und Wettkampf muss es geben

Wie ist es aber in der Politik, oder in der Werbung, wie ist es beim Sport, wie ist es am Arbeitsplatz? All diese Bereiche kann man sich ohne Konkurrenz, ohne Aggression und Wettkampf kaum vorstellen, wie auch die Partnersuche. Wir alle haben den Willen zu überleben, wir kämpfen, um zu überleben – das ist genetisch in uns festgesetzt und ist in allen Lebensbereichen zu finden. Die politische Partei kämpft für ihre Ideen, die Firma für ihr Produkt, der Sportler um den ersten Platz, der Arbeitnehmer für einen Arbeitsplatz, an dem er sich wohl und sicher fühlt. Um diese Ziele zu erreichen reicht es wenigstens in unserer Gesellschaft nicht immer, dass die politische Partei gute Ideen entwirft, wenn sie sie nicht auch gut vermarktet, dass die Firma ein gutes Produkt herstellt, wenn es  nur wenige wissen, dass der Sportler Höchstleistungen erzielen kann, wenn er nicht  Wettkämpfe gewinnt, und der Arbeitnehmer talentiert und arbeitssam ist, wenn sein Chef es nicht sieht. Alle haben Konkurrenten und versuchen sich deshalb besonders gut darzustellen, sie müssen für sich selber werben.

Und bei diesem “sich Darstellen” geht es um das Ansehen, es geht darum, die Rangordnung gegenüber den Konkurrenten zu erhalten und möglichst sogar zu verbessern. Wir befinden uns in einem Wettkampf und da ist aggressives Verhalten oft von Vorteil. Das stellt die Frage, welche und wieviel Aggression erstrebenswert oder sogar nötig ist für den Erhalt einer leistungsfähigen Gesellschaft. Wieviel Aggression anderer können und wollen wir ertragen, ohne selbst aggressiv zu reagieren. Werbung ist notwendig und es geht vor allem um Fairness. In Deutschland ist deshalb vergleichende Werbung nur dann erlaubt, wenn die getroffenen Aussagen auch objektiv nachprüfbar sind und der Wahrheit entsprechen. Fairness wird auch im Sport verlangt und sollte am Arbeitsplatz und auch im Wahlkampf durchgesetzt werden.

Auslöser von Aggression und Gewalt

“Das war nicht fair” kann auf dem Fußballplatz genauso wie im Beziehungsstreit der Beginn einer Eskalation sein. Oft geht tätlichen Angriffen ein verbaler Wutausbruch voraus. Daher ist zu vermuten, dass durch Reduktion verbaler und emotionaler Aggression auch tätliche Angriffe reduziert würden. Es ist auch recht sicher, dass durch Reduktion der Aggression in der Familie Aggression in allen Bereichen der Gesellschaft verringert würde und auch umgekehrt durch Reduktion der Aggression im politischen Bereich auch die Aggression in den Familien und am Arbeitsplatz reduziert würde. Besonders wichtig ist dabei die verbale Aggression, oft ist es schon die Wortwahl, die Aggression ausdrückt und dann zu einer Eskalation der Aggression und letztlich auch der Gewalt führen kann.

Frustration ist oft der Auslöser von Aggression. Besonders gefährlich ist, dass viele Menschen bei jeder Frustration, die sie erleben, eine feindliche Absicht dahinter vermuten. Solche Menschen mögen Pessimisten sein, sie mögen Menschen sein, die besonders misstrauisch oder auch selbst besonders aggressionsbereit sind, oder auch solche, die besonders in ihrer Kindheit die Erfahrung gemacht haben, dass sie sich nie sicher sein oder sicher fühlen können, zum Beispiel, weil sie misshandelt wurden oder nur nicht genügend Liebe erfahren haben. Es ist daher zu erwarten, dass verstärktes soziales Lernen (besonders in der Kindheit) uns hilft, dass wir uns nicht so leicht angegriffen fühlen.

Die psychodynamisch orientierte Aggressionstheorie und die Objektbeziehungstheorie erklären, wie Aggression entsteht. Nach ihr spielen dabei unbewusste Vorgänge in der Kindheit eine große Rolle. Es geht um Gefühle von Angst, Wut, Hass und Hilflosigkeit, die erfahren wurde, als sie Aggressivität und Gewalt ausgesetzt waren. Für Menschen, die schon in ihrer Kindheit viel Aggression erfahren haben  ist Aggression zu einem vertrauten Verhaltensmuster geworden. Sie erkennen, dass sie es zu ihrem eigenen Vorteil nutzen können, insbesondere um Angst, Hilflosigkeit und Bedrohung unter Kontrolle zu bringen. So wird Aggression als Prävention von Aggression benutzt. Wenn Angst der Auslöser für Aggression ist, so ist die Gefahr der Eskalation besonders groß. Die Angst kann eine allgemeine Lebensangst sein, wie Fritz Riemann sie in dem Buch “Grundformen der Angst” beschreibt.

Wenn aber Aggression als Schutz vor Aggression dienen kann, ist es verständlich, dass Kinder aggressiver Eltern oft selbst zu Aggressivität neigen.

Es ist die Aggression erwachsener Menschen, die vor allem reduziert werden sollte, aber Verhaltensmuster erwachsener Menschen können nicht leicht verändert werden. Darum muss es vor allem darum gehen, durch richtige Behandlung von Kindern, eine Gesellschaft zu erzeugen, in der die Aggressionsbereitschaft wesentlich geringer ist, als in unserer jetzigen Gesellschaft.

Genauso wie viele Kinder gelernt haben, dass sie mit Aggressivität in einer für sie bedrohlichen Situation die Oberhand und Kontrolle behalten können, hat sich auch in der Politik die “Einsicht” etabliert, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Vorwärtsverteidigung oder Präventivschlag sind entsprechende militärische Ausdrücke. Es erklärt auch gut, wie leicht sich die Rolle Täter und Opfer umdrehen können. Wenn nämlich jemand aus Angst angegriffen zu werden angreift, kann er sich trotzdem als Opfer sehen. Wenn seine Angst aber unbegründet war, so ist er der Täter.

Die Aggression an sich ist ja auch ein notwendiges Werkzeug, das uns als Schutz gegen Frustration, Ungerechtigkeit und Unterdrückung dient. Wenn wir jede Form der Aggression verringern wollen, ist es nötig, mehr Gerechtigkeit zu schaffen und damit die Auslöser für Aggression zu beseitigen. Auch Werbung und Wettkampf muss es geben. Es muss also nur solche Aggression bekämpft werden, die unfair ist, die sich ungerechtfertigte Vorteile verschaffen will, die zum Ziel hat, Ungerechtigkeit zu erzeugen oder zu verstärken. Was gerecht ist, kann nicht genau bestimmt werden. Deshalb gibt es notwendigerweise Konflikte, die vielleicht sogar zu Aggression führen müssen.

Gute Kompromisse sind immer möglich

Häufig entstehen Konflikte beim Teilen. Wir teilen unsere Wohnung, wir teilen die Straße und die öffentlichen Verkehrsmittel, wir teilen das Geld, was den Arbeitnehmern als Einkommen zur Verfügung steht. Wir teilen Zeit, Besitz und Aufmerksamkeit. Wir teilen die Plätze bei öffentlichen Veranstaltungen, wir teilen den Arbeitsplatz, Kinder teilen Spielzeug und den Spielplatz. Wir teilen den Park, den Strand und das Cafe. Staaten teilen Transportwege und Rohstoffe. Wir teilen uns auch die Natur, die Luft, die Flüsse. Wenn etwas geteilt werden muss, kann es Konflikte geben und die müssen beigelegt werden, es müssen Kompromisse gefunden werden und diese sollten fair sein; denn es führt zu Aggression, wenn Menschen sich unfair behandelt fühlen. Es gibt in uns auch die Gier, den Wunsch mehr zu besitzen als andere. Dahinter steckt wohl unser großes Bedürfnis nach Anerkennung, nach einer hohen Position in der Rangordnung. Gier und Fairness stehen im Widerspruch zueinander.

Um Konflikte fair zu lösen, brauchen wir den Kantschen Imperativ, der Gleichberechtigung im Umgang miteinander anstrebt. Wir brauchen Utilitarismus, der darauf achtet, dass für alle Beteiligten die Vor und Nachteile einer Entscheidung berücksichtigt werden. Wir brauchen die 80/20 Regel, die uns verdeutlicht, dass 100 prozentige Gerechtigkeit nicht immer (fast nie?) möglich ist. Wir brauchen gutes Zuhören, um die Anliegen aller Beteiligten zu verstehen und wir brauchen Empathie, die uns dabei hilft uns in die Situation anderer hineinzufühlen. Diese Mechanismen und Regeln geben uns ein Gefühl dafür, was fair ist und sind auch Werkzeuge, Fairness zu erreichen. Sie helfen uns einzusehen, dass wir unsere Gier zügeln müssen; denn unfaires Verhalten erzeugt Aggression in denen, die darunter leiden. Es hat also auch Vorteile für uns selbst, wenn wir nicht mehr beanspruchen, als wir bereit sind anderen zuzugestehen.

In dem Buch “Anleitung zum sozialen Lernen” schreiben Schwäbisch und Siems über die Ehe. Ich habe den Text leicht abgewandelt, indem ich das Wort “Beziehung” durch das Wort “Gesellschaft” und das Wort “beide” durch das Wort “alle” oder “viele” ersetzt habe:

Es gibt Probleme, die viele von uns gemeinsam betreffen und bei denen wir uns arrangieren müssen und unser Verhalten aneinander anpassen müssen. Wir glauben fest daran, daß dies möglich ist, ohne Macht- oder Kampfmittel anzuwenden und ohne daß einer den anderen unterdrückt. Im Gegenteil, wir glauben, daß, wenn wir unsere Verschiedenheit akzeptieren und uns deswegen gegenseitig keine Vorwürfe machen, alle den ehrlichen Wunsch haben, die Gesellschaft so zu gestalten und unser Verhalten so einzurichten, daß wir unsere eigenen Interessen in dieser Gesellschaft befriedigen können. Wir glauben außerdem fest daran, daß die Lösungen unserer Konflikte keine faulen Kompromisse sind, zu denen wir widerstrebend ja sagen – sondern daß es im Gegenteil Lösungen für unsere Konflikte gibt, hinter denen wir alle fest stehen können und die allen unseren Interessen gerecht werden.

Ja, in dieser idealistischen Sicht der Gesellschaft gibt es immer Lösungen, die von allen akzeptiert werden können und von der großen Mehrheit akzeptiert werden – aber in unserer Gesellschaft gibt es eben auch Machtungleichheit, die dazu führt, dass Interessenkonflikte oft nicht fair gelöst werden. Die Versuchung Machtungleichheit aggressiv auszunutzen, also unserer Gier nachzugeben ist zu groß für uns Menschen, als dass wir es immer schaffen würden, Machtpositionen nicht auszunutzen. So gibt es Hierarchien, die von Gehorsam getragen werden und aggressiv durchgesetzt werden, um die Ungleichheit aufrechtzuerhalten. Diese Machtungleichheit muss also so weit wie möglich eingeschränkt werden, damit durchgesetzt werden kann, was die Mehrheit für gut und akzeptabel hält. Dabei gilt der Grundsatz “Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser”, oder wie Lenin  sagte “Vertraue, aber prüfe nach”.

Die ganze Gesellschaft – also das Weltgehirn – muss verstehen, dass etwas und auch was geschehen muss, damit die Interessen aller gleichermaßen berücksichtigt werden. Das ist die Grundlage für eine funktionierende Demokratie und die Eindämmung der Gier.

Die technischen Beschleuniger des Fortschritts

Das Weltgehirn ist noch ziemlich “dumm” und lässt viel Ungerechtigkeit und Machtungleichheit zu. Vier wesentliche Dinge hat das Weltgehirn noch nicht genügend gelernt: Aggression und Gehorsam aus unserer Welt zu vertreiben, kritisches Denken zu verbreiten und Empathie zu stärken. Dabei sehe ich Aggression zu verringern, die Ungerechtigkeit durchsetzt oder aufrechterhält, als das eigentliche Ziel, das aber nur erreicht werden kann, dadurch dass in unserer Gesellschaft sowohl Gehorsam verringert als auch kritisches Denken und Empathie erheblich gestärkt werden.

Diese Ziele hören sich für viele utopisch an, aber das Weltgehirn lernt ständig dazu und es lernt sehr schnell – heute viel schneller als noch vor wenigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Das zeigt u.a. Hans Rosling in “Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist” Neue Erkenntnisse können sich rasend schnell verbreiten. Das Lernen des Weltgehirns ist in den letzten Jahren erheblich beschleunigt worden, bedingt durch bessere Kommunikationsmöglichkeiten, durch eine Stärkung der Synapsen und Speicherzellen. Der Buchdruck war eine der ersten wesentlichen Kommunikationstechnologien und half Wissen in unserer Gesellschaft zuverlässig zu speichern und für viele zugänglich zu machen. Große Bibliotheken sind Teil des Weltgehirns und haben den Speicher des Weltgehirns gewaltig vergrößert. Viele Menschen, wenn auch nur eine kleine Minderheit, waren in der Lage immer mehr Wissen in großen Bibliotheken anzusammeln.

Noch vor wenigen Generationen geschah Kommunikation überwiegend mündlich und wurde nur in Ausnahmefällen auch schriftlich festgehalten und zu Fuß oder auf dem Rücken der Pferde transportiert. Da dauerte es sehr lange, bis eine Nachricht sich über die gesamte Menschheit verbreiten konnte und viele wichtige Erkenntnisse brauchten sehr lange aus dem Unterbewussten ins Bewusste des Weltgehirns zu gelangen. Doch dann wurden Telefon, Radio und Fernsehen erfunden und Information konnte große Teile der Welt schnell erreichen, aber nicht jeder konnte an alle senden und Regierungen konnten ihre Bevölkerung leicht vom Rest der Welt isolieren.

Das Internet und das Smartphone – das Weltgehirn lernt jetzt viel schneller

Der größte Beschleuniger, also das, was die Anzahl der Synapsen des Weltgehirns gewaltig erhöht hat und damit die Lernfähigkeit des Weltgehirns am meisten gestärkt hat, ist das Internet zusammen mit dem Laptop und dem Handy. Das Internet hat dem Weltgehirn sowohl unbegrenzte Mengen von Speicherzellen und damit auch Gedächtnis als auch fast unbegrenzte zusätzliche Synapsen und damit Intelligenz hinzugefügt. Gute Ideen, neue Erkenntnisse, neue Technologien, Unzufriedenheit mit bestehenden Systemen, Wut über Ungerechtigkeit, Stolz über Errungenschaften und vor allem neue Verhaltensweisen und neue Strukturen können sich so schnell verbreiten, wie man lesen und verstehen kann – über die ganze Welt. Beliebig viel Information kann nun gespeichert werden und nach überall hin in wenigen Sekunden unverfälscht übertragen werden. Jetzt werden die schiere Menge an zur Verfügung stehender Information und Falschinformation in den sozialen Medien ein größeres Problem als Informationsmangel. Wikipedia und viele etablierte Medien helfen sehr, die Spreu vom Weizen zu trennen, aber sie schaffen es bisher nicht, die Flut der Falschinformation einzudämmen.

Falschinformation ist jetzt noch ein riesiges Problem. Es muss erreicht werden, dass jeder Falschinformation im Internet Gegenargumente beigefügt werden, die so leicht zugänglich sind, wie die Falschinformation selbst. Mit Falschinformation wird das Weltgehirn auch umzugehen lernen – die ersten Ansätze gibt es schon und künstliche Intelligenz kann uns helfen Falschinformation aufzudecken und richtige und wichtige Information zu finden und damit die Falschinformation zu konfrontieren. Organisationen wie Facebook und Twitter sind in der Lage, entsprechende Systeme zu installieren. Jede Meinungsäußerung oder Aussage auf sozialen Netzwerken könnte und sollte nach meiner Meinung automatisch mit einem Link versehen werden, der zu Quellen weist, die diese Aussage unterstützen und solche, die ihr widersprechen. Ein solches System würde Argumenten Gegenargumente gegenüberstellen und damit sowohl den Leser als auch den Autor zu kritischem Denken anregen. Es würde erzwingen oder wenigstens erleichtern, dass Menschen in der einen Blase auch die Menschen in anderen Blasen verstehen. Das würde die Freiheit der Meinungsäußerung in keiner Weise gefährden, aber den Lernvorgang des Weltgehirns gewaltig beschleunigen, da es viele zusätzliche Synapsen erzeugen würde.

Aggression wird von Gehorsam unterstützt

Vielleicht die größten Hindernisse auf dem Weg zur Lösung gesellschaftlicher Probleme sind Aggression und Gehorsam. Aggression gibt es auf allen Ebenen und, wenn sie nicht Reaktion auf Ungerechtigkeit und damit defensiv ist, ist sie fast immer destruktiv.

Die Erkenntnis, dass Aggression verringert werden muss und verringert werden kann, rückt vom Unterbewusstsein des Weltgehirns in das Bewusstsein. Die MeToo Debatte ist Teil des Prozesses, der ins Bewusstsein des Weltgehirns schreibt, dass Aggression überall bekämpft werden muss, die Berichterstattung über den Vietnamkrieg enthielt eine ähnliche Botschaft und Fridays for Future trägt auch dazu bei, denn bei der Klimadebatte geht es letztlich auch um Gier, Gewalt und Aggression, es ist die Gewalt jener, die versuchen bestehende Verhältnisse und damit ihre Macht aufrecht zu halten.

Ins Bewußtsein des Weltgehirns müssen die Fragen treten: Was macht uns agressionsbereit, wie entsteht Aggression, wie eskaliert Aggression, wie können wir mit ihr umgehen und vor allem: Wie können wir erreichen, dass sie in unserer Gesellschaft seltener ausbricht? Das Weltgehirn muss sich nicht nur mit den einzelnen Problemen befassen, in denen Aggression auftritt, es muss sich vor allem auch mit den Wurzeln des Problems Aggression befassen. Eine dieser Wurzeln ist Gehorsam, Gehorsam dient der Ausbreitung von Aggression. Ohne Gehorsam gäbe es Gewalt nicht in ihren großen Ausprägungen wie bei Krieg und Unterdrückung.

Das Weltgehirn wird von Ängsten gebremst

Der unmittelbare Anlaß für Aggression sind oft Frustration und Gier. Die Gier führt zu Ausbeutung, Kriminalität, Krieg und Unterdrückung. Die Frustration beruht oft auf erfahrene Ungerechtigkeit und Kränkung und verleitet uns deshalb zu Aggression. Die Frustration führt im kleineren persönlichen Bereich zu Gewalttaten, zum gegenseitigen Anschreien, zur Scheidung, zu Beleidigungen. Und dahinter stecken irgendwo unsere Ängste. Unsere Ängste sind vielleicht die wichtigsten Wurzeln der Aggression, Angst vor Veränderung, Angst vor Stagnation, Angst vor Nähe und Angst vor dem Alleinsein. Das sind nach Fritz Riemann die Grundformen der Angst.

  • Die Angst vor Nähe und zu enger Bindung kann zu aggressivem Wegstoßen verleiten. Vielleicht spielte die Angst vor zu enger Bindung eine Rolle in den Kommunen der 68ger, in der die freie Liebe die enge Bindung überwinden sollte.
  • Jemand der Angst vor der Entfernung oder der Trennung hat, mag andere zu sehr festhalten und sie damit ihrer Freiheit berauben und ist wohl auch konservativ. Unsere Angst, vor Trennung hängt zusammen mit unserer Angst, nicht anerkannt oder nicht wahrgenommen zu werden und ist so gewaltig, dass bei den australischen Aborigines Ausschluß aus der Gesellschaft einem Todesurteil gleicht.
  • Jemand, der Angst vor Stagnation oder Angst vor dem Endgültigen hat, mag Dinge zerstören, um Veränderung zu erzwingen, wie es in der Französischen Revolution geschah, vielleicht will er Besitzverhältnisse ändern und wählt eine linke Partei, vielleicht lässt er sich scheiden.
  • Jemand der Angst vor Veränderung oder vor dem Ungewissen hat, mag sich bewaffnen oder isolieren, um sich zu schützen, wie eine Teil der Republikaner in den USA – vielleicht wählt er eher konservativ und rechts. Auch bei Habsucht, Gier und Geiz mag Angst vor Veränderung eine große Rolle spielen, weil man glaubt sich mit viel Besitz vor unvorhersehbaren Veränderungen schützen zu können.

Jeder kennt und hat alle vier Ängste, Riemann teilt Menschen danach ein, welche dieser Ängste bei ihnen dominieren. Da Angst zu Aggression führen kann und jede Aggression auch Gegenaggression auslösen kann, können auch Ängste letztlich Auslöser für aggressives Klima sein. Das gilt im engen privaten Bereich genauso, wie in der Politik.

Weil unsere Ängste so groß sind, sind wir oft geneigt, Hindernissen/Umständen, die unsere Ängste erzeugen, mit Gewalt oder auch unredlich entgegenzutreten. Vielleicht hat Donald Trump übertriebene Angst vor Bindungen und hat deshalb den Klimavertrag gekündigt und damit Wähler beeindrucken können, die ähnliche Ängste haben. Eltern, die sich mit Bestrafung bei ihren kleinen Kindern durchsetzen, tun dies vielleicht aus Angst, in ihrem Bekanntenkreis nicht anerkannt zu werden, wenn sie ihre Kinder nicht “kontrollieren” können.

Lügen (wie bei Trump) und Gewalt (wie bei schlagenden Eltern) erscheinen uns oft als einfachste Möglichkeit, uns durchzusetzen oder auch nur Anerkennung zu erlangen und unseren Stellenwert in unserem Umfeld zu erhöhen. Wenn wir glauben, Anerkennung durch Besitz eines teuren Autos zu erlangen, könnten wir der Versuchung erliegen, es zu stehlen statt dafür zu arbeiten. Nicht nur das Stehlen, sondern auch das Kaufen eines solchen Autos könnte ein aggressiver Akt sein, nämlich dann, wenn es geschieht, um damit seinen Rang in der Gesellschaft zu verbessern. Wenn uns die Beziehung zu eng wird, können wir sie beenden, statt an ihr zu arbeiten. Wenn jemand uns zu nahe kommt, könnten wir ihn wegstoßen, statt ihm zu erklären, warum uns die Nähe unangenehm ist. Wenn wir glauben unseren Bekanntenkreis damit beeindrucken zu können, könnten wir erzählen, dass wir schon immer an Kunst interessiert waren, auch wenn es nicht stimmt. Zum Teil geschieht Aggression also aus Bequemlichkeit. Wir erlangen Vorteile, ohne uns besonders bemühen zu müssen.

Gehorsam ist bequem und gefährlich

Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen Aggression und Gehorsam. Gehorsam kann zu besonders starker Aggression führen, wie es in jedem Krieg geschieht. Aus Gehorsam zu Gott  ist Abraham bereit seinen einzigen Sohn Isaak zu töten. Friedrich Schiller schrieb 1798 in “Der Kampf mit dem Drachen”: “Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck”. Noch 1970 sagte Franz Josef Strauß: “Ich bin ein Deutschnationaler und fordere bedingungslosen Gehorsam”.

Gehorsam gilt immer noch viel zu oft als positive Eigenschaft. In nicht demokratischen Systemen wird Gehorsam sogar von allen verlangt. Beim Militär  und der Polizei wird Gehorsam oft gefordert, weil er in Situationen, in denen schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen, zu erhöhter Handlungsfähigkeit führt. Wenn der Befehl aber gegen das Gewissen des Befohlenen verstößt, muss das Gewissen die höchste Instanz sein.

Gehorsame Kinder werden auch in unserer Gesellschaft noch oft als artig bezeichnet, weil sie nicht stören und uns wenig Arbeit machen. Damit wir keine gehorsamen Erwachsenen produzieren, sollten Kinder auf keinen Fall zum Gehorsam oder zum artig sein angehalten werden. Gehorsam sollte das Weltgehirn nicht als Tugend ansehen. Unter den 68ern war die Idee der Antiautoritären Erziehung populär und hat gezeigt, wie wichtig es ist, besonders im Umgang mit Kindern, ohne Gehorsam auszukommen. Stattdessen müssen unsere Kinder freies und kritisches Denken lernen und sich ihrer angeborenen Empathie bewusst bleiben. Die 68er Bewegung hat damit dazu beigetragen, dass dem Weltgehirn bewusster wurde, dass Aggression und Gehorsam durch Empathie und kritisches Denken ersetzt werden müssen.

Gehorsam genauso wie Aggression sind weit verbreitet, weil sie oft bequeme und schnelle Lösungen für unsere Probleme ermöglichen. Gehorsam erspart uns das Nachdenken und Aggression erspart uns lange Diskussionen. Wir lernen aggressive Verhaltensweisen und Gehorsam schon als kleine Kinder, wohl meist durch trial and error. Wenn wir uns oft gehorsam verhalten, gelten wir als brav, erhalten viel Lob dafür und verhalten uns dann weiterhin brav, weil es Kampf und Streit vermeidet und es ein bequemer Weg ist, Anerkennung zu erlangen. Sind wir ungehorsam, werden wir möglicherweise bestraft. Sind wir aber frustriert, weil wir irgendetwas nicht kriegen können und verhalten uns deshalb aggressiv und haben damit auch noch Erfolg, versuchen wir in späteren Situationen uns wieder aggressiv durchzusetzen. Wenn wir stattdessen versuchen unser Ziel ohne Aggressivität zu erreichen, werden wir vielleicht frustriert und versuchen es beim nächsten mal doch mit Aggressivität. Wie Aggression führt auch Gehorsam sehr leicht zum Erfolg, weil wir, als Eltern, Gehorsam ständig belohnen und Ungehorsam bestrafen.

Strafe und Belohnung verhindern intrinsische Motivation

Wir Eltern müssen stattdessen lernen, in unseren Kindern intrinsische Motivation zu fördern, wir müssen es schaffen unsere Kinder zur Eigenständigkeit zu erziehen. Dies fordert heute auch modernes Management, wie man in Büchern wie “Buy in” lesen kann. Alfie Kohn will in seinem Buch “Liebe und Eigenständigkeit” intrinsische Motivation in Kindern fördern. Dabei müssen wir auch erkennen, dass weder Belohnung noch Bestrafung geeignete Mittel sind, intrinsische Motivation zu fördern, wie derselbe Autor in “Punished by Rewards (Durch Belohnung bestraft)” ausführt.

Ziel der Kindererziehung muss also sein, obige Lernerfahrungen so weit wie möglich zu vermeiden. Dabei geht es insbesondere auch darum, Empathie zu entwickeln, denn in Konfliktsituationen kollidieren unsere Interessen mit denen anderer. In solchen Situationen ist es besonders wichtig, auch zu fühlen, dass die Interessen und Wünsche der anderen gleiches Gewicht haben müssen, wie unsere eigenen. Wir müssen es lernen Aggression und Gier zu zügeln. Es geht also um Förderung sozialer Fähigkeiten, Empathie, Mediation und gewaltfreie Kommunikation.

Es ist wichtig zu lernen, sich in andere hineinzufühlen und Verständnis für andere zu gewinnen. Empathie hilft, einen Kompromiss zu erarbeiten. Das ermöglicht auch unsere eigenen Ziele zu modifizieren, wenn wir sehen, dass der andere ebenso starke Gründe hat, sich für seine Ziele einzusetzen. Wenn Kinder es lernen, den Standpunkt des anderen zu verstehen, werden sie zu kritischen Denkern und damit zu fähigen Demokraten. Sie werden dann als Erwachsene nicht mehr begeistert zustimmen, wenn sie gefragt werden, ob sie Krieg wollen. Sie werden keine Partei wählen, die Wirtschaftswachstum als oberstes Ziel sieht. Sie werden erkennen und verstehen, wie auf die globale Erwärmung und wie auf Nationalismus und Rassismus reagiert werden muss.

Wir brauchen weniger Strafen

Soziale Fähigkeiten erwirbt man sicher kaum durch Bestrafung. Diese Einsicht setzt sich durch, wenn auch langsam. Wie in meiner eigenen Familie und den Familien vieler meiner Freunde hat sich der Wandel im Erziehungsstil zu weniger Bestrafung von Generation zu Generation in vielen Ländern auf breiter Front ereignet. Das Weltgehirn hat gelernt, Aggression zu reduzieren. Weniger aggressive Eltern erzeugen weniger aggressive Kinder, weniger aggressive Kinder werden zu noch weniger aggressiven Eltern, zu weniger aggressiven Arbeitnehmern, zu weniger aggressiven Politikern. Es gibt mehr Vertrauen, es gibt weniger Kriege – das Weltgehirn lernt dazu und gewinnt an Vertrauen.

Die Einsicht, dass Strafe wenig hilft hat sich weitgehend durchgesetzt. Der deutsche Strafvollzug ist humaner geworden, der norwegische Strafvollzug ist noch viel humaner und deshalb werden dort viel weniger Straffällige rückfällig als sonst überall auf der Welt. Nur jeder fünfte Straftäter in Norwegen landet mehr als einmal im Knast, in Deutschland sind es etwa 50%. In den USA ist die Rückfallquote bei einigen Delikten sogar 80%. Während es in den USA zur Zeit 655 Gefängnisinsassen pro 100000 Einwohner gibt, sind es in deutschsprachigen und den skandinavischen Ländern nur etwa 65. Das Weltgehirn lernt dazu und dieser Lernprozess beginnt oft in intellektuellen Kreisen, wie an Universitäten und Schulen. Dort werden die Erkenntnisse auf Kinder und Studenten übertragen, die selbst bessere Eltern und bessere Lehrer werden. Das ist ein langsamer aber stetiger und wohl unaufhaltsamer Prozess.

Wir brauchen demokratische Schulen

Unter den 68ern wurde das Buch von A.S. Neill “Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung: Das Beispiel Summerhill” viel gelesen. In diesem Buch wird auch die Fragwürdigkeit von Bestrafung erklärt und es wird aufgezeigt, dass wir Kinder ernst nehmen sollten und sie an Entscheidungen mitwirken lassen sollten. In dem Buch Summerhill wird eine Szene erwähnt, wo das Schulparlament, in dem alle Schüler und Lehrer Mitglieder sind, beschließt für einen Jungen zu sammeln, nachdem er gestohlen hatte (paradoxe Intervention). Das hat sicher weder dazu geführt, dass er daraufhin öfter gestohlen hat, noch dass Mitschüler zum Stehlen animiert wurden. Inzwischen gibt es viele Schulen, die das basisdemokratische Konzept von Summerhill übernommen haben, vor allem in Israel, den USA, Frankreich, Japan und den Niederlanden aber auch in Australien, Belgien, Brasilien, Bulgarien, Costa Rica Dänemark, Deutschland, Finnland, Großbritannien, Irland, Japan, Kanada, Neuseeland, Peru, Polen, Puerto Rico, Rumänien, Schweiz, Tschechien, Slowakei, Südafrika, Südkorea, Taiwan, Thailand, und Ukraine.

Ehemalige Schüler nennen als Vorteile demokratischer Schulen besonders häufig die Möglichkeit ein gesundes Selbstvertrauen und einen normalen Umgang mit Autoritäten zu entwickeln. Sie haben also weniger Probleme mit Gehorsam als viele unserer Mitbürger.

Vielen der Ideen von Summerhill nähern wir uns in Europa im gesamten Schulsystem langsam an. Weltweit gesehen gehen solche Entwicklungen zwar langsam, aber das Internet ermöglicht, dass alle davon mitbekommen und alle mitlernen können. Das Weltgehirn lernt ständig dazu. Es ist offensichtlich, dass das Weltgehirn, anders als unser Gehirn, Einsichten in Abhängigkeit vom Standort sehr verschieden entscheiden kann. Das gilt nicht nur für die Verbreitung demokratischer Schulen und den Strafvollzug, der in Deutschland humaner gehandhabt wird als in den USA und in Norwegen viel humaner gehandhabt wird als in den meisten Teilen Europas, dabei sind die USA bei weitem nicht das Schlusslicht. Es gibt in Asien, Südamerika und Afrika Diktaturen, die weit hinter dem System der USA zurückliegen. Es gibt also eine Hierarchie der Humanität in der Welt und damit auch eine Hierarchie bezüglich der Gerechtigkeit und des Ausbrechens von Aggression. Es zeigt sich zum Beispiel am Gini-Index, dass die Ungerechtigkeit regional sehr verschieden ist. Kriegsschauplätze sind aus den reichen Ländern verschwunden. Kinderarbeit und Zwangsheirat gibt es in reichen Ländern kaum noch.

Weniger Aggression in der nächsten Generationen

Dass es möglich ist Hierarchien abzubauen und Aggression zu vermindern steht außer Zweifel, weil wir auf allen Ebenen Beispiele finden, wo dies schon geschehen ist. Es gibt Schulen mit Schulparlamenten, es gibt Firmen ohne Hierarchie und ohne Chef, es gibt die EU, die innereuropäische Kriege verhindert, es gibt Demokratien im Gegensatz zu Diktaturen. Es gibt Eltern, die Kinder nicht bestrafen und ihnen Mitspracherecht einräumen. Ob unsere Gesellschaft je ganz ohne Hierarchien und ohne Aggression funktionieren wird, ist aber eine offene Frage – dafür gibt es noch keine Vorbilder – es gibt aber viele Beispiele, wo die Gesellschaft mit viel weniger Hierarchien und weniger Aggression funktioniert als zum Beispiel in China, Russland oder den USA.

Um Aggression in unserer Gesellschaft zu verringern, muss natürlich eine friedlichere Generation heranwachsen. Es gilt wohl weitgehend, dass Meinungen sich kaum ändern, sondern “Meinungen aussterben”. Es ist ja offensichtlich, dass unsere Generation weniger aggressiv ist als die Generation unserer Eltern und Großeltern. Das Weltgehirn verliert Gehirnzellen, die Aggressivität unterstützen. Wie können wir dazu beitragen, dass auch die nächste Generation friedlicher wird als die jetzige?

Mehr Sozialkompetenz in der nächsten Generation

Dabei geht es nicht nur um Aggression. Wir sollten versuchen unsere Gesellschaft demokratiefähiger zu machen, dazu müssen wir mehr von uns Menschen verstehen, wir müssen den Umgang miteinander verbessern, wir müssen lernen zuzuhören und, wir müssen lernen, dass Kompromissbereitschaft eine Stärke ist. Wir müssen lernen, kritisch zu denken. Wir müssen aufgeben, uns nur in unseren Blasen zu bewegen. Wir müssen lernen, uns in die Blasen anderer hineinzudenken und hineinzufühlen. Wir müssen versuchen unsere Situation mit den Augen der anderen zu sehen. Erst dann werden wir es schaffen, weniger aggressiv miteinander umgehen.

Es geht also um viel mehr als nur Aggression – Aggression ist ein Symptom dafür, dass es Defizite in der Sozialkompetenz gibt. Um also Aggression zu verringern, muss Sozialkompetenz erhöht werden. Dazu muss viel zusammenwirken. Besonders wichtig ist es dabei, dafür zu sorgen, dass unseren Kindern schon von der Geburt an eine entsprechendes Umfeld geboten wird. Um das zu erreichen, müssten zunächst die Schulen und Universitäten dies mehr in ihre Kurrikula aufnehmen. Sie könnten Mediation, Friedensforschung, Konfliktbewältigung, aktives Zuhören und vieles mehr verstärkt anbieten.

Dies würde in vielen von uns “theoretisches Wissen” über die Rolle der Aggression in unserer Gesellschaft erzeugen. Um dieses Wissen aber in dem Weltgehirn zu verinnerlichen, ist es notwendig, unsere Kinder zu friedlichen Menschen zu erziehen. Dies geschieht schon an demokratischen Schulen.

Auch die Medien könnten versuchen weniger Aggression zu zeigen und dazu übergehen auch Straftäter als ganze Menschen mit Gefühlen darzustellen. Damit aber solches geschieht, muss es genug Menschen geben, die das Problem sehen und sich entsprechend engagieren. Das Internet kann in diesem Prozess als Beschleuniger, als Spiegel und als Katalysator wirken, damit eine neue Generation sozial kompetenter Eltern heranwächst.

Das Weltgehirn lernt und setzt es durch, dass alle Länder den gleichen Weg gehen, hin zu mehr Humanität, mehr Gerechtigkeit, mehr Demokratie, weniger Aggression.

Wir lernen uns besser kennen

Jetzt gerade sind wir mitten in der Corona Krise – vielleicht eine Gelegenheit Feindbilder abzubauen. Dieses deutet sich auf der politischen Ebene an, darin, dass Oppositionspolitiker der Regierung zustimmen und die EU Schulden aufnimmt, was ja außerhalb von Krisenzeiten kaum vorkommt. Vor über 30 Jahren besuchte ich die Stadt Trier (oder war es Speyer?). Ich erinnere mich an eine Stadtführung, wo mir folgendes erzählt wurde: Es gibt ein kleines Zimmer in der Stadtmauer, in die Paare gesperrt wurden, wenn sie sich scheiden lassen wollten. Das Zimmer hatte ein schmales Bett, es gab nur einen kleinen Tisch, einen Teller, einen Löffel, einen Stuhl. Dort musste das Paar zwei Wochen verbringen – danach wollten sich nur noch etwa die Hälfte der Paare scheiden lassen, während die andere Hälfte sich vielleicht noch mehr hasste als vorher. Vielleicht gibt es ja durch die Corona Krise auch in einigen Familien Fortschritt, dass sich die Familienmitglieder besser kennenlernen und besser verstehen lernen. Offensichtlich gibt es jetzt aber auch mehr Gewalt in der Familie und nicht alle Familien wachsen jetzt mehr zusammen. Es wird wohl auch mehr Scheidungen geben.

Wenn unsere Gesellschaft insgesamt friedlicher, liebevoller, also weniger aggressiv wird, werden Menschen auch besser auf Aggression reagieren und sich weniger leicht angegriffen fühlen. Wir lernen uns besser kennen. Ich glaube, dass sich dieser Wandel, wenn auch langsam, schon in unserer Gesellschaft vollzieht. In vielen Ländern ist die Prügelstrafe in den Schulen längst abgeschafft. Viele Schulen verringern die Bedeutung der Zensuren. Schulen fördern Teamarbeit. Schulen fördern Kreativität. Lehrer regen zu Diskussionen an. All dies verringert Frustration, fördert intrinsische Motivation fördert Verständnis und Akzeptanz und fördert kritisches Denken. Damit verringert es auch Aggression.

Wir brauchen weniger Hierarchien

Jetzt und sicher noch viele Jahre wird es Aggression in all unseren Lebensbereichen und allen Organisationsformen geben. Dabei dient die aggressive Aktion besonders häufig, den Rangordnungsstatus innerhalb sozialer Gruppen oder auch zwischen Staaten zu verbessern oder zu verteidigen. Wettkampf, besser sein als andere, mehr haben als andere, mehr können als andere – das gibt uns Anerkennung und letztlich Macht über andere.

Es geht um die Führungsrolle oder wenigstens um die nächste Stufe in der Rangordnung. Wenn man solche Aktionen aggressiv nennt, dann kann die Urlaubserzählung, wie auch jede andere Erzählung, schon zu einem aggressiven Akt werden, dann nämlich, wenn sie nicht nur erzählt wird, um andere zu erfreuen oder zu informieren, sondern auch um andere zu beeindrucken. Denn das Beeindrucken hat ja das Ziel, die eigene Rangordnung zu stabilisieren oder sogar zu verbessern. Nationen wetteifern um die erste Mondlandung und die meisten Medaillen bei den Olympischen Spielen, um die größte Wirtschaftskraft und die stärksten Armeen.

Für die Menschheit war und ist es aber viel wichtiger zusammenzuarbeiten, um zu überleben, und das Bestreben anerkannt zu werden unterstützt Zusammenarbeit und ist in uns Menschen genetisch verankert. Dazu ist der Wettkampf um die Rangordnung in unseren Hierarchien nicht notwendig – aber naheliegend ist er allemal in einer Gesellschaft in der Wettkampf so tief verwurzelt ist, wie in unserer. Ist es überhaupt erreichbar und wünschenswert, dass wir nicht danach streben, einander zu imponieren, in der Rangordnung in unseren Gruppen nach oben zu klettern? Im Tierreich gilt es als normal, dass es Hierarchien gibt, dass um Spitzenposition hart gekämpft wird.

Das entspricht ja auch dem Prinzip “survival of the fittest” und dieses Prinzip sollten wir als Menschheit nicht versuchen zu verdrängen, oder? Wir haben aber auch Menschenrechte geschaffen. Diese schützen uns vor Gewalt und vor dem Verhungern. Im laufe der letzten Jahrhunderte sind Gewalt und Armut stetig zurückgegangen. Unser Überleben ist also weitgehend durch das System gesichert. Auch Staaten versuchen  ihr Überleben durch Abkommen zu sichern.

Es gibt inzwischen Firmen ohne Chef, es gibt Schulen in denen Lehrer mit den Schülern gleichberechtigt sind. Beides ist bisher eine Ausnahme und verbreitet sich nur langsam. Es gibt demokratische Prozesse – auch sie bauen Hierarchien langsam ab.

Der Schlüssel für eine bessere Politik ist die Schule

Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient” oder „Das Volk hat die Politiker, die es verdient!„, das stimmt vielleicht nicht ganz, denn es gibt Wahlbetrug, Demagogen und Diktaturen. Aber es ist sicher auch nicht ganz falsch. Noch immer sind starke Führungspersönlichkeiten sehr gefragt, entsprechend ist das Volk bereit, gehorsam und artig zu sein. Wir wählen ja durchaus einen Donald Trump und haben sogar Hitler viele Stimmen gegeben. Der Politiker, der vor allem mehr Humanität, Umweltschutz und die Energiewende will, ist vielleicht noch nicht mehrheitsfähig, wenn er nicht auch eine starke Führungspersönlichkeit ist. Solange wir aber autoritäre Menschen wählen, nur weil sie stark sind und nicht weil sie ein gutes Programm haben, werden wir keine echte Demokratie erhalten. Demokratische Schulen zeigen uns, dass das nicht so sein muss.

Es sind die Grundeinstellungen der Bürger, die eine Regierung wählt, die diese Grundeinstellung bedient und eine dieser Grundeinstellungen ist die Aggressivität. Es ist aber an der stetig sinkenden Zahl der Morde in Europa deutlich zu sehen, dass die Aggressivität in unserer Welt weniger wird, an der Entwicklung vieler Parameter kann man ablesen, dass das Weltgehirn stetig und schnell immer weiser wird.

Aber es ist noch ein sehr langer über mehrere Generationen dauernder Weg der Veränderung unserer Gesellschaft zu mehr Gerechtigkeit. Das Weltgehirn befindet sich auf dem Weg in diese Richtung. Es gibt schon Firmen ohne Chefs, es gibt Firmen, die sich der Gemeinwohlökonomie verschrieben haben und seit der Gründung der antiautoritären Summerhill Schule sind hunderte demokratische Schulen gegründet worden. Sie sind auf dem Weg aus dem Unterbewusstsein des Weltgehirns ins Bewusstsein zu gelangen. Sie beweisen uns, dass echte Demokratie möglich ist und Aggression in unserer Gesellschaft weiterhin stark reduziert werden kann.

 

 

 

 

 

Heiko Schröder

Heiko Schröder
Dr. Heiko Schröder ist Professor der Informations- und Kommunikationstechnologie und hat in Deutschland, USA, Großbritannien, Australien, Singapur, Äthiopien, Indonesien und Botswana geforscht und gelehrt.