Das Weltgehirn wird intelligenter werden

Ein Gastbeitrag von Heiko Schröder, PhD

Stellen wir uns die Menschheit wie ein großes Gehirn vor, das Weltgehirn, in dem jeder Mensch eine Gehirnzelle und jeder Kommunikationskanal eine Synapse ist. Das Weltgehirn ist mit unserem Gehirn kaum vergleichbar, weil es so viel größer ist. Jedes menschliche Gehirn hat etwa 100 Milliarden Zellen und die Erde bald etwa 10 Milliarden menschliche Gehirne. Eine menschliche Gehirnzelle hat im Durchschnitt etwa 1000 Synapsen – diese Anzahl variiert sehr stark von Zelle zu Zelle – wie viele Kommunikationsverbindungen hat ein Mensch? Die Synapsen des Weltgehirns verbinden uns mit Freunden, Verwandten, Bekannten, Kollegen, wir lesen, sitzen vorm Fernseher und surfen im Internet – immer fliest Information. Da jede Zelle des Weltgehirns ein menschliches Gehirn besitzt sind die Zellen des Weltgehirns unvergleichbar stärker als die Zellen des menschlichen Gehirns. Die Kommunikationsverbindungen im Weltgehirn können viel mehr übertragen als eine Synapse des menschlichen Gehirns, die ja jeweils nur einen einzigen Impuls sendet. Synapsen können verschieden stark sein, abhängig davon wie oft sie genutzt werden. Im Weltgehirn und auch im menschlichen Gehirn können neue Synapsen wachsen, andere können verschwinden.

Das Weltgehirn ist explosionsartig leistungsfähiger geworden

Das menschliche Gehirn verändert sich nur langsam, auch wenn es im Laufe unseres Lebens gewaltige Mengen an Information aufnimmt und viel lernt. Das Weltgehirn als ein selbstlernendes System hat sich selbst im Laufe der letzten Jahrhunderte gewaltig und in den letzten Jahrzehnten sogar explosionsartig verbessert.

Basierend auf der menschlichen Fähigkeit Laute zu erzeugen, wurden durch das Weltgehirn zunächst die Sprachen entwickelt und viel später der Buchdruck, Telefon, Radio, Fernsehen und schließlich das Internet und das Smartphone erfunden um damit zu kommunizieren, Erkenntnisse weiterzugeben und zusammenzuarbeiten. Anfangs war das Weltgehirn nur wenig stärker als das menschliche Gehirn, aber durch Buchdruck, Telefon, Radio, Fernsehen und das Internet schaffte sich das Weltgehirn endlos viele neue und starke Synapsen. Damit hat sich das Weltgehirn selbst außerordentlich verstärkt, das Weltgehirn ist ein selbstlernendes System. Auch die neuen Transportmittel haben erheblich zu zusätzlichem Wissensaustausch beigetragen, denn Menschen kommunizieren mehr und anders, wenn sie sich gegenseitig besuchen.

Die Zugriffsmöglichkeit auf das Gedächtnis des Weltgehirns ist für alle Zellen riesig geworden, es ist in den letzten Jahren, seit der Entstehung des Internets geradezu explodiert. Das wird in naher Zukunft zu viel schnelleren Veränderungen führen, als wir es gewohnt sind. So hat sich das mobile Telefon in wenigen Jahren über die ganze Welt verbreitet. Die Transportsysteme haben sich gigantisch ausgebreitet. Die sozialen Netze sind vor wenigen Jahren entstanden und haben das Weltgehirn weiter verstärkt und unser Leben erheblich verändert.

Die technische Entwicklung der Synapsen

Informationen, Wissen und Ideen können jetzt innerhalb von Sekunden von jeder Ecke unserer Welt in fast jede andere transportiert werden – und das ist neu. Dadurch ist das Weltgehirn viel intelligenter geworden – denn Intelligenz drückt sich vor allem durch Anzahl, Stärke und Struktur der Netzwerke, der Synapsen, aus. Die Rechenleistungen der im Internet genutzten Großrechner hat sich in den letzten Jahrzehnten exponentiell mit riesiger Geschwindigkeit erhöht.

Abbildung 1: Anteil der Kontinente an den Top 500 Supercomputern in den Jahren 2000 und 2019.

1993 hatten die vier leistungsfähigsten Supercomputer (gebaut von der Thinking Machine Corporation, USA) zwischen 512 und 1024 Prozessoren. Heute haben die schnellsten Supercomputer weit über 1 Millionen Prozessoren und zwei der vier leistungsfähigsten Computer stehen in China.

China hatte seinen ersten Eintrag in der Liste der Top500 im Jahr 2000, während die USA 49% und Japan 13% der Einträge hatten. Im Jahr 2019 standen fast 46% der 500 größten Supercomputer in China und nur 23% in den USA (siehe Abbildung 1). Europas Anteil ist in demselben Zeitraum von 35% auf 19% geschrumpft.

Die Knoten des Internets sind die Supercomputer. Sie sind wesentlicher Bestandteil der Synapsen des Weltgehirns. Das Internet ist das wichtigste Werkzeug zur Gestaltung der Zukunft. Die Leistungsfähigkeit der 500 schnellsten Supercomputer ist in den letzten 25 Jahren exponentiell gewachsen; insgesamt um einen fast unvorstellbaren Faktor von etwa 1 Million.

Es ist die Fähigkeit zu kommunizieren, die Fortschritt ermöglicht – unsere Gesellschaft ist ohne Kommunikation nicht denkbar. Tatsächlich ist die gesamte Industrialisierung und Technisierung der Welt ein Produkt des Weltgehirns, weil es keinen einzelnen Menschen gibt, der alleine genug weiß und kann, um in der Lage zu sein, irgendeine Maschine oder auch nur eine Zahnbürste, ein Radio, einen Computer, eine Uhr, eine Glühlampe, einen Heizkörper zu basteln. Für all unsere Versorgungsgüter brauchen wir Industrien mit vielen Fachleuten, wir brauchen Ingenieure und Wissenschaftler, um die Technologien der Fabrikation möglich zu machen. Wir müssen Wissen aufschreiben und an andere weitergeben. All das geschieht heute mit Hilfe des Internets.

Und durch diese kolossale Beschleunigung unserer Kommunikationsmöglichkeiten ist es jetzt erst möglich, dass nicht nur das Wissen, sondern vor allem die Intelligenz des Weltgehirns weiter gewaltig wächst.

Im Folgenden werde ich zeigen, dass die Kapazität des Weltgehirns bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist und auch, dass es Mechanismen gibt, die dieses Wachstum bremsen.

Das soziale Lernen des Weltgehirns

Psychologie und Soziologie, Pädagogik und Politikwissenschaften haben zwar auch deutliche Fortschritte gemacht – zum Teil durch die Erfolge im Zusammenhang mit den Neurowissenschaften, zum Teil, weil sich Menschen heute mehr für Psychologie, Pädagogik und Soziologie interessieren. Aber im Bereich des sozialen Lernens war der Fortschritt deutlich langsamer als im Bereich der Technik. Diese Fortschritte sind durch die verstärkten Synapsen in vielen Zellen angekommen. Das bedeutet, dass wir sogar dem Wunsch uns selbst zu verstehen heute näherkommen können als noch vor wenigen Jahren. Zum Beispiel haben sich psychologische Erkenntnisse und die Idee der emotionalen Intelligenz über die Welt verbreitet. Wir sind gerade dabei zu lernen, dass Krieg als Mittel der Politik nicht geeignet ist.

Die sozialen Netzwerke Facebook, YouTube und Twitter werden weltweit gut genutzt. In Ländern wie den Philippinen, Meiko, Indonesien, Süd Afrika, Malaisen, sogar deutlich mehr als in den europäischen Ländern und den USA. Man kann wohl davon ausgehen, dass fast alle Bürger der Welt wenigstens unter ihren Freunden jemanden haben, der direkten Zugriff auf soziale Netzwerke hat. Somit ist der Bedarf solcher Netze vermutlich fast gesättigt. Nach Dave Chaffey sind 42% der Weltbevölkerung Nutzer der sozialen Medien.

Die Vernetzung des Weltgehirns und damit auch die Anzahl ihrer Synapsen kann sich wohl nicht mehr wesentlich verbessern. In dieser Situation ist zu erwarten, dass sich jetzt nicht mehr die Quantität rasant weiterentwickelt, sondern vor allem die Qualität.

Die Qualität oder Intelligenz und Wissensstand des Weltgehirns besteht aus auf Zusammenarbeit basierendem Wissen und Können und kann noch weit mehr verbreitet werden, aber da gibt es jetzt viele Mechanismen, die diese Verbreitung bremsen. Selbst im technischen Bereich gibt es solche Bremsen. So verbietet die USA Export von Hochtechnologien, und Patente verzögern die Nutzung wichtiger Erfindungen. Aber gesellschaftspolitische Ideen werden noch viel wirkungsvoller gebremst. Es gibt Mauern, die die Bevölkerung in große Gruppen einteilen und voneinander abschotten – man nennt sie Filterblasen.

Das Weltgehirn könnte viel mehr

Das Schulsystem, das Universitätssystem und die Medien erhöhen ständig das Wissen der einzelnen Zellen. Wir sind gerade dabei zu lernen, wieviel der Ressourcen unserer Erde wir wie schnell verbrauchen und wieviel sich die Erde erwärmt. Wir merken auch, dass die jetzt existierenden Regierungsformen nicht im Sinne ihrer Bürger funktionieren, haben aber noch keine überzeugende und funktionierende Alternative gefunden. All dies gehört zwar schon zum Wissen des Weltgehirns, hat aber noch nicht zu angemessenen Aktionen durch das Weltgehirn geführt, weil es andere Teile des Weltgehirns gibt, die sich Veränderungen und der Verbreitung von Ideen und Einsichten widersetzen.

„Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.“ (Winston Churchill). Dass und wenn die Demokratie nicht gut funktioniert liegt vor allem daran, dass sich die Bürger nicht genug engagieren und deshalb nicht genug informiert sind und Politiker wählen, die nicht kompetent sind oder sich das Gemeinwohl nicht als Ziel gesetzt haben.

Die Unfähigkeit der Bürger ist nicht unbedingt Schuld der Bürger, aber es muss sich ändern. Da muss und kann das Weltgehirn noch viel und schnell lernen. Es muss lernen, wie erreicht werden kann, dass sich die Bürger engagieren, dass die Bürger bei jeder Entscheidung verstehen, was für sie selbst und andere gut oder schlecht ist, was dem Gemeinwohl dient und was nur einer kleinen Minderheit dient.

„Brot und Spiele“ bremsen die Entwicklung des Weltgehirn

Was sind die Gründe für mangelndes Interesse an Politik? In armen Bevölkerungen haben Menschen wenig Gelegenheit, sich um Politik zu kümmern, weil sie zu sehr eingespannt sind, sich um ihre Versorgung zu kümmern. In den reichen Ländern verhindert der Konsumterror, dass uns viel Zeit zum Nachdenken bleibt. Die Maschinerie der Werbung für endlos viele Produkte, die nicht oder kaum zu unserem Wohlergehen beitragen funktioniert außerordentlich gut. Nur mit wachsender Lebensqualität, und das ist nicht wachsender Konsum, sondern wachsende Zufriedenheit und sinkende Arbeitsbelastung, steht den Bürgern genug Energie zur Verfügung, sich um politische Interessen zu kümmern. Wachsender Konsum entzieht uns Energie. Außerdem sind politische Zusammenhänge oft sehr komplex, so dass es auch einem Wohlstandsbürger schwerfällt, sich damit intensiv zu beschäftigen.

Auch wegen dieser Komplexität erliegt der Bürger leicht der Versuchung, sich – entsprechend dem Prinzip von „Brot und Spiele“ – einschläfern zu lassen. Die „Spiele“ in unseren Systemen zur Verfügung zu stellen, haben sich viele Reiche zur Aufgabe gemacht. Es gibt zum Beispiel die FIFA und viele Millionen vom Fußball begeisterte Fans, es gibt Fernsehserien, die von Millionen Bundesbürgern gesehen werden. Das beschäftigt viele Menschen und lenkt viele junge Menschen davon ab, über Politik nachzudenken.

Technische Prozesse sind immer komplexer geworden und wesentliche Fortschritte können nur noch durch große Teams von Spezialisten geschaffen werden. Die wachsende Komplexität ist es wohl auch, die heute im politischen Bereich Teambildung verlangt, um zu guten Entscheidungen zu gelangen. Dies ist ein großes Problem für die Gesellschaft, denn es macht klar, dass die Möglichkeiten der Basisdemokratie sehr begrenzt sind. Die Piratenpartei hat versucht, daraus einen Ausweg zu finden, indem es uns ermöglicht wird, unsere Stimme an Experten abzugeben. Das legt vielleicht auch nahe, dass wir dazu übergehen, Ministerien statt Regierungen zu wählen.  Solch eine Änderung würde aber viele Konsequenzen haben, die schwer im Voraus zu erkennen sind.

Technische Bildung führt zu mehr Humanität – aber langsam

Die Schulen und Universitäten legen ein sehr großes Gewicht auf Ausbildung zu technischen Berufen. Das ist nicht unvernünftig, denn es beschleunigt zunächst den Weg zu mehr Wohlstand. Es vernachlässigt aber auch die Bedeutung der Humanität. Das zu ändern, also das Gewicht von mehr Wohlstand und Konsum zu mehr Wohlbefinden und mehr Humanität zu verschieben, also der Weg vom Kapitalismus zur Gemeinwohlökonomie, wird langsam zur Erkenntnis in Teilen des Weltgehirns. Wir sollten die Gemeinwohlökonomie anstreben und uns dem Konsumterror entziehen. Aber auch in dem Punkt gibt es viele Zellen des Weltgehirns, die dies noch erfolgreich bremsen oder sogar verhindern.

Macht das Weltgehirn Fortschritte auf dem Weg, mündige Bürger zu schaffen? Das entscheidende Mittel, um solche Bürger zu schaffen und damit auch selbst mündig zu werden ist das kritische/wissenschaftliche Denken. Und dies wird immer mehr gefördert.

Die Schaffung der Uno und die Weltklimakonferenz sind überzeugende Beispiele, die zeigen, dass es Potential für Schritte in der Richtung zu einer humaneren Gesellschaft gibt. Die entscheidende Frage ist, ob sich solche Kräfte langsam durchsetzen, oder ob es den „Mächtigen“ (wer immer dies sein mag) gelingt solche Entwicklungen zu stoppen. Wir sind ja sicher mit Recht der Meinung, dass sowohl die Uno als auch die Weltklimakonferenz viel mehr schaffen sollten.

Ich bin überzeugt, dass die Verstärkung des kritischen Denkens nicht gestoppt werden kann, weil die Technisierung der Gesellschaft vor allem auch von den mächtigen Minderheiten, also den Banken und der Großindustrie vorangetrieben wird. Diese Technisierung braucht gute Universitäten und mit der Forschung braucht sie auch wissenschaftliches also kritisches Denken. Und Menschen, die für die Wissenschaft und Technik kritisches Denken gelernt haben, können es in anderen Bereichen ihres Lebens kaum ablegen.

Filterblasen, die Lobotomie des Weltgehirns

Trotz der wachsenden Fähigkeit zu kritischem Denken, kommen endlos viele Menschen zu falschen Schlüssen. Noam Chomsky ist ein Autor, der auf viele Situationen hinweist, wo durch gefälschte Informationen Menschen in folgenschwerer Weise getäuscht werden. Es sind Filterblasen entstanden, Blasen, in denen Menschen erzählt wird, dass der Irak „Weapons of massdistruction“ entwickelt hat, dass der CIA die Twin Towers gesprengt hat, dass Juden verschlagen, hinterlistig, gerissen sind, dass Reichtum von wenigen immer auch automatisch an die Armen verteilt wird, dass die Nutzung alternativer Energien unbezahlbar ist. Solche Meinungen halten sich dann oft in großen Filterblasen für schmerzhaft lange Zeit. Der Internetaktivist Eli Pariser warnte, dass Nutzer von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken allein auf ihre persönlichen Vorlieben zugeschnittene Informationen präsentiert bekämen, ohne in ihrer Filterblase mit anderen Meinungen konfrontiert zu werden.

Das Problem ist keineswegs, dass sich Blasen bilden, also Gruppierungen von Menschen, die viel zusammen machen, Ideen teilen und einander Schutz und Geborgenheit bieten. Blasenbildung wird verstärkt durch unseren Wunsch dazuzugehören – es ist viel mehr als nur ein Wunsch, es ist eine lebenswichtige Notwendigkeit. Die Angst vor Ablehnung ist in uns allen riesig und wir können uns nur wohlfühlen, wenn uns wesentlich öfter zugestimmt als widersprochen wird. Das sorgt dafür, dass wir uns gerne Gruppen anschließen, Gruppen, in denen wir frei reden können und wo uns nicht häufig widersprochen wird.

Aber dieser Wunsch kann uns auch in die Isolation führen, wenn wir beginnen von „den anderen“ zu reden, aber den anderen nicht mehr richtig zuhören und nicht mehr versuchen sie zu verstehen. Es ist ein Problem, wenn solche Gruppen von Menschen sich von Informationen abschotten oder abgeschottet werden. Es geht also darum, dass Blasen mit dem Rest der Welt weiterhin kommunizieren können und wollen, also keine Filterblasen werden.

Es ist ein uraltes Herrschaftsinstrument, zu versuchen, die Bevölkerung dumm zu halten. „Brot und Spiele“ sind dafür ein frühes Beispiel, was auch heute Anwendung findet. Karl Marx bezeichnete Religion als Opium fürs Volk, weil sie dem Menschen ein Heil nach dem Tod verspricht, statt ihn zum Handeln anzuregen. Jetzt aktuell wird Julian Assange von der US-Regierung verfolgt, weil er mit Hilfe von WikiLeaks versucht, die Bürger zu informieren. Die amerikanische Regierung versucht also im Weltgehirn Kommunikationsverbindungen/Informationsfluss zu begrenzen und viele andere Regierungen unterstützen dies.

Das Weltgehirn zeigt viele Aspekte, die wohl als Schizophrenie des Weltgehirns bezeichnet werden können. „Es kann der Wahn vorkommen, verfolgt, ausspioniert oder kontrolliert zu werden. Weiter kann das Gefühl auftreten, fremdgesteuert zu werden, z. B. durch Gedankenentzug oder Gedankeneingebung. Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität sind möglich. Auch sozialer Rückzug, Antriebslosigkeit, mangelnde Motivation, emotionale Verflachung und Freudlosigkeit werden nicht selten beobachtet.“ Ab etwa 1946 wurde gegen Schizophrenie Lobotomie eingesetzt.

Lobotomie: „Die Stiefmutter hatte geklagt, ihr Sohn sei aufsässig und wild und sie würde sich deshalb vor ihm fürchten. Der Arzt zerschneidet einige Verbindungen im Gehirn des Jungen. Nach dem Eingriff wirkt der Junge interesselos und abgestumpft.“ Solche Operationen wurden noch bis etwa 1983 über eine Million Mal durchgeführt. Heute weiß man, dass das ein fataler Irrtum der Medizin war und dass es keine guten Auswirkungen hat, wenn man im menschlichen Gehirn Verbindungen entfernt.

Ähnlich fatal ist sicher der Versuch Informationsfluss im Internet zu behindern. Blasen, die sich der Außenwelt verschließen sind, wie auch die Verfolgung von Julian Assange, Teil der Lobotomie des Weltgehirns. Solche Blasen stumpfen gegen die Probleme der Welt ab, wie zum Beispiel die AFD mit ihrer Konzentration auf das Volk, sich für die großen Probleme der Welt nicht zu interessieren scheint.

Filterblasen verhindern, dass Menschen aufsässig/wild werden, sie schläfern das Volk ein. Filterblasen im Internet sind fehlende, vermiedene oder gekappte Verbindungen. Menschen sondern sich in Filterblasen von anderen ab. Menschen in Blasen sind wenigstens einseitig, oft aber auch falsch informiert.

Das kann, wie heute innerhalb der AFD und auch früher bei den Nazis, dazu führen, dass Hass gegen Flüchtlinge oder früher gegen Juden erzeugt, gerechtfertigt und auch nicht wieder abgebaut wird. Es ist deshalb außerordentlich wichtig, dass solche Abschottung von der Wirklichkeit aufgehoben werden.

Abbildung 2: Kommunikation auf Facebook. Abstände richten sich nach der Anzahl der Verbindungen.

In Abbildung 2 kann man sehen, wie sehr insbesondere die AFD isoliert ist.  Sie hat lediglich eine starke Brücke zur CSU. Sie befindet sich in einer Filterblase. Auch zwischen Rot-Rot-Grün und rechten Parteien kann man eine deutliche Trennung (also geringe Kommunikation) sehen.

Besonders deutlich wird die Blasenbildung, wenn man betrachtet, wer welche auf dem Internet vertretenen Medien liest – in Abhängigkeit davon, welcher Partei er nahesteht. In von der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Diagrammen kann man sehen, wie katastrophal einseitig die Medien gelesen werden. „Bürger sagen nein“ (inzwischen von Facebook gesperrt) und „Lügenpresse“, die beide rechtspopulistische Propaganda betreiben, werden auf Facebook von Wählern der AFD und mit reduzierter Häufigkeit von Wählern der CSU gelesen, aber nicht von Wählern der anderen Parteien. Hier erkennt man eine Brücke zwischen AFD und CSU, die man auch in Abbildung 2 gut erkennen kann. Spiegelonline und Tagesschau wird von allen Parteien außer von AFD Wählern gelesen.

Die der Parteizugehörigkeit entsprechenden Filterblasen sind also deutlich sichtbar. Solche Filterblasen haben negative Auswirkungen auf die Lebendigkeit unseres Weltgehirns. Die Menschen sind zu wenig darüber informiert, was in anderen Blasen passiert. Sie sind auf eine Meinung festgelegt und nutzen ihre Fähigkeit zu kritischem Denken zu wenig. Sie werden interessenlos und abgestumpft.

Ein Arzt, ein religiöser Führer oder eine Regierung könnte auf die folgenschwere Idee kommen, mehr Blasen zu erzeugen, also die Lobotomie aufrechtzuhalten oder sie sogar zu verstärken, weil sie die Hoffnung haben, dass Filterblasen Auseinandersetzungen verhindern und das Gesamtsystem vielleicht auch etwas ruhig stellen, aber der Preis dafür ist hoch, es stumpft die Gesellschaft ab und Kreativität und Fortschritt werden verhindert. Autoritäre Staaten neigen dazu Lobotomie zu fördern, so durften Bürger der DDR nicht westliche Fernsehprogramme sehen. Bücher wurden verbrannt, die chinesische Regierung unterdrückt religiöse Gruppierungen und hat es geschafft, das Internet zu zensieren, also die Bevölkerung „vor gefährlichen Inhalten zu schützen“. Das jetzige Vorgehen gegen Julian Assange ist ähnlich einzuordnen, denn ohne WikiLeaks wüssten wir weniger und wären dann weniger beunruhigt und weniger unruhig.

Die Lobotomie des Weltgehirns ist umkehrbar

Es sind vor allem die Filterblasen, die den Fortschritt bremsen – der Versuch, sich abzugrenzen, die Überzeugung, es besser zu wissen, die bequeme Haltung, nicht richtig zuzuhören, die fehlende Bereitschaft zu versuchen zu verstehen. So entstehen, statt konstruktiver Diskussion, Feindbilder, Auseinandersetzungen, in denen beleidigt wird, in denen absichtlich falsch interpretiert wird, in denen gegen die anderen gekämpft wird, statt zusammen mit den anderen, eine Lösung zu finden. Die Lobotomie des menschlichen Gehirns ist zwar unumkehrbar, aber die Lobotomie des Weltgehirns kann besiegt werden.

Es gibt schon eine Reihe von Mechanismen, die dazu beitragen, die Bildung von Filterblasen zu bekämpfen oder wenigstens zu versuchen, Verständigung zwischen Blasen herzustellen oder zu ermöglichen. Dazu gehören die Talkshows, die Vertreter verschiedener Parteien und verschiedener Meinungen einladen, dazu gehören die Nachrichten im Fernsehen und im Radio, genauso, wie große Teile unserer Literatur. Kritik an diesen Mechanismen gibt es in Hülle und Fülle – mit recht – aber solche Mechanismen helfen der Überbrückung von Grenzen zwischen Blasen.

De Bono schlägt die 6 Hüte Kreativitätsmethode vor, in der alle Beteiligten angehalten sind bei jedem Vorschlag sowohl die Vorteile als auch die Nachteile zu suchen. Damit wird kritisches Denken unterstützt. Auch die Plattform KIALO (Debate platform powered by reason) zwingt zu kritischem Denken. Beide Debattiermethoden tragen dazu bei, dass alle Aspekte einer Entscheidung betrachtet werden, alle Auswirkungen für alle Gruppen sowohl auf der Ebene der Fakten als auch auf der Ebene der Gefühle.

Abbildung 3: Der Stand der Debatte über Liquid Democracy in Kialo am 14.1.2020

Ein wesentlicher Nebeneffekt beider Methoden, ist, dass ihre Anwendung dazu führt, dass die Debatte mit verminderter Emotion geführt wird: Man sammelt Argumente, die für und gegen einen Vorschlag sprechen und bewertet und vergleicht dann diese Argumente. Es leitet dadurch auch alle Teilnehmer der Debatte dazu an, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Nachteile klein gehalten werden können.

Auch die Kommunikationsformen, die die Piraten nutzen (z.B. Liquid Feedback und Liquid Democracy), dienen dazu Filterblasen abzubauen. Sie ermöglichen es jedem ihrer Politiker jederzeit zu erfahren, was andere in der Partei über die gerade diskutierten Ideen denken. Eine Diskussion über Liquid Democracy gibt es gerade auf Kialo. Abbildung 3 zeigt eine Übersicht dieser Diskussion am 14.1.2020. Grüne Felder wollen lieber das jetzige System beibehalten, während die roten Felder für den Einsatz von Liquid Democracy argumentieren. Der Fortgang der Diskussion lässt sich durch „mouse over“ in diesem Diagramm nachvollziehen.

All diese Mechanismen haben die Ausbreitung von Filterblasen vermutlich schon deutlich gebremst aber nicht verhindert. Das liegt vor allem daran, dass die Nutzung all dieser Mechanismen zum Teil aufwendig und außerdem freiwillig ist und damit diejenigen nicht erreicht, die von ihrer eigenen Meinung so überzeugt sind, dass sie keine Energie aufwenden wollen, die eigene Meinung zu überprüfen.

Kommentare, Versuch einer Lösung

Um es einfacher zu machen, die Argumente der Gegenseite zu sehen und zu verstehen, könnte mit Hilfe von KI ein System entwickelt werden, dass jede auf dem Internet veröffentlichte Meinung und jeder Vorschlag – sei es auf Facebook, Twitter oder irgendwelchen anderen sozialen Medien – automatisch mit anderen Internet Inhalten (z.B. Wikipedia) abgeglichen wird. Das könnte so gestaltet werden, dass jeder Webseite, jedem Tweed und jeder Facebook Nachricht automatisch ein Link mit dem Namen „Kommentare“ beigefügt wird. Der Link „Kommentare“ führt zu einer Seite, die auf andere Internetseiten weist, welche bestätigen oder widersprechen, was in dem Tweed oder der Facebook Nachricht behauptet wird. Der Autor kann diese Kommentare nicht beeinflussen oder verändern, aber er kann davon lernen und seine Leser können sich dort informieren, insbesondere, wenn sie etwas Zweifel an den Äußerungen des Autors haben.

Diese Kommentare könnten automatisch mit Hilfe von Suchmaschinen und KI-Algorithmen erstellt werden. Zusätzlich könnte es ein System geben, dass unter anderem durch Beschwerden von Benutzern angestoßen wird. Dieses System könnte durch große Teams von Journalisten unterstützt werden, die recherchieren und selbst Kommentare produzieren oder ergänzen. So ein System würde nicht von allen freiwillig übernommen werden. Es müsste gesetzlich vorgeschrieben werden, um uns Bürger vor Fake News zu schützen, genauso, wie es heute Vorschrift ist, dass auf Elektrogeräten deren Energieverbrauch erkenntlich ist, oder wie auf Zigarettenpackungen deutlich auf die Gefahren des Rauchens hingewiesen werden muss. Solche Zwangsmaßnahmen können gerechtfertigt werden, weil sie dem Schutz des Bürgers dienen, ohne Freiheiten einzuschränken.

Kommentare lassen uns schneller lernen

So ein System würde jeden, der etwas auf dem Internet veröffentlicht, sofort mit Gegenmeinungen konfrontieren oder ihn bestätigen und hätte Eigenschaften wie Buchrezessionen oder Wikipedia. Es würde uns helfen, stets unsere Aussagen zu relativieren und zu hinterfragen und die Vor- und Nachteile von Vorschlägen, die wir auf dem Internet machen, zu sehen und zu verstehen, es würde zu mehr Rücksicht und Verständnis anderer anregen. Es würde zu kritischem Denken anleiten und außerdem die Autoren anregen, sich in andere Aspekte, die sie bisher noch nicht gesehen hatten, einzulesen. Es wäre eine deutliche Vermehrung der Synapsen des Weltgehirns und würde die Qualität der Webseiten und unserer Diskussionen auf sozialen Medien erheblich erhöhen.

So ein System könnte viele der „Fake News“ und „Alternative Facts“ erheblich abschwächen und ihre Verbreitung behindern, weil viele Leser der Fake News diese nicht weiterleiten würden, wenn sie von den Argumenten, die sie in den Kommentaren finden, überzeugt werden. So könnten sicher viele der Fake News ganz beseitigt werden. Es würde besseren Zugang zu anderen Blasen gewährleisten, es würde Toleranz und Verständnis für andere fördern, es würde Irrtümer ausräumen. Es wäre also eine Beschleunigung des Lernens und eine Erhöhung des Intelligenz Quotienten des Weltgehirns. Es würde für jeden die Qualität des Internets erhöhen und den Schaden, den Internetnutzung anrichten kann, verringern. Das könnte auch zu einem tagesaktuellen Wikipedia, also zu einer wesentlichen Erweiterung der Newspedia-Idee führen, an dem vielleicht tausende Journalisten weltweit mitwirken.

Zusätzlich, und das mag noch wichtiger sein, würde es das Verständnis innerhalb der jetzt existierenden Blasen wesentlich verbessern. Die Linke Partei genau wie die AfD, aber auch die Grünen, die SPD, die CDU, die CSU und die FDP würden besser die Motivation und Argumente der verschiedenen Flügel ihrer eigenen Partei verstehen und besser erkennen, weshalb die anderen Flügel der eigenen Partei sie ablehnen.

Die Lobotomie hat das Leben der operierten Menschen fast vollständig zu Erliegen gebracht. Entsprechend ist zu erwarten, dass, wenn es gelingt die Lobotomie des Weltgehirns wesentlich zu reduzieren, unsere Welt schnell weitere gewaltige Fortschritte machen wird.

Die Vermeidung von Filterblasen und die damit verbundene Verbesserung der Kommunikation ist nicht nur ein politisches Problem, sie betrifft alle Bereiche unserer Gesellschaft bis hinein in die Familien. Ich hoffe auf besseren Austausch von Argumenten und auf ehrliches Zuhören. Wie weit wollen wir da gehen? Mir ist schon als Kind beigebracht worden, dass es wichtig ist, höflich zu sein und das heißt oft, dass man eben nicht sagt, was man denkt, sondern Austausch von Gedanken absichtlich vermeidet. Ich will nicht unhöflich sein, aber ich will trotzdem meine Meinung äußern.

 

Heiko Schröder

Heiko Schröder
Dr. Heiko Schröder ist Professor der Informations- und Kommunikationstechnologie und hat in Deutschland, USA, Großbritannien, Australien, Singapur, Äthiopien, Indonesien und Botswana geforscht und gelehrt.