Der Freifunk – ein Beitrag gegen die digitale Spaltung

Berliner freifunk netz CC BY-SA3.0 [via Wikimedia Commons

Freifunk gibt es mittlerweile in vielen Städten in ganz Deutschland mit unterschiedlichen Stoßrichtungen und Ideen. Die Vernetzung via Freifunk wird vor allem als soziales Projekt betrachtet, dem es um die Bildung oder Stärkung von sozialen Gemeinschaften geht. Es will insbesondere dazu beitragen, dass das Potenzial freier Bürgernetze für das Teilen und Verteilen von Wissen und Bandbreite genutzt wird.

Ein Gastbeitrag von Christina Herlitschka

Vernetzung ist ein fester Bestandteil unseres Lebens geworden. Dabei nehmen wir diesen Umstand nicht mal bewusst wahr. Firmen verlegen Leitungen für Dienstleistungen direkt in unser Haus. Telefon und Internet, alles erhalten wir selbstverständlich. Problematisch wird es nur, wenn Leitungen gedrosselt werden, das Netz nicht mal in 3G zur Verfügung steht oder keine Möglichkeit besteht zu telefonieren. In manchen Momenten nervt das fremdgesteuerte Netz, das noch nicht mal Anonymität garantiert. Aber muss denn alles von Unternehmen ausgehen?

Wenn es  so viele Graswurzelbewegungen im Sharing-Bereich gibt, darf natürlich auch eine zum Erweitern von Funknetzwerken nicht fehlen. So wurde im Jahr 2002 die Idee des Freifunks geboren, als Jürgen Neumann auf dem BerLon-Workshop mit einigen Aktivisten im Bereich der Bürgerdatennetze in Berührung kam. Er formulierte daraufhin eine erste Idee und Philosophie, die bis heute Bestand hat und von vielen Freiwilligen umgesetzt wird: „Freifunk.net versteht sich als Plattform für freie Funkvernetzung im gesamten deutschsprachigen Raum. Das Projekt hat sich dem Austausch von Information verschrieben und will anderen Möglichkeiten geben, sich einzubringen. Vernetzung wird vor allem als soziales Projekt betrachtet, es geht um die Bildung oder Stärkung von sozialen Gemeinschaften. Interessierte werden zur Mitarbeit auf den verschiedensten Ebenen eingeladen, organisatorisch, technisch, inhaltlich sowie auf der Ebene konkreter täglicher Arbeit. All das erfolgt selbstverständlich auf Basis freiwilligen, unbezahlten Engagements. Eine konzertierte Anstrengung soll dazu beitragen, dass das Potenzial freier Bürgernetze für das Teilen und Verteilen von Wissen und Bandbreite genutzt wird. Neben der lokalen Vernetzung sucht man auch Austausch und Zusammenarbeit mit internationalen Gruppen und Initiativen […]“ (Medosch 2004, S. 133)

Der Freifunk – das technische und menschliche Zusammenspiel

Um sich als aktiver Freifunkender an diesem Netzwerk zu beteiligen, gibt es verschiedene Wege: Die Software, welche auf dem Router aktiv ist, wird von ehrenamtlichen Mitgliedern geschrieben, Do-It-Yourself Antennen werden gebaut und zum Teil in Workshops entwickelt. Gemeinsam verfassen die Freifunkenden Blogbeiträge, erstellen Werbemittel oder sprechen mit Kommunen und anderen Unterstützern, um den Ausbau voran zu treiben. Wie in Open Source Communities üblich können sich alle Freifunkenden mit ihren Talenten einbringen und dadurch das Projekt bestmöglich voran treiben.

Router sind integrierte Systeme, die beispielsweise per LAN (Kabel) oder WLAN (Funknetz) betriebene Geräte wie Handys, Tablets oder Notebooks mit einem Netzwerk verbinden. Unterstützer können Freifunk-Router an ihr bestehendes Netzwerk anschließen, welches mit dem Internet verbunden ist und damit Dritten ebenfalls Zugang zum Internet ermöglichen. Dabei bleibt das eigene, private Netzwerk getrennt vom bereitgestellten Zugang. Das bedeutet, Dritte, denen man den Internetzugang gewährt, haben keinen Zugang zum eigenen, privaten Netzwerk.

Das Netzwerk an sich entsteht durch diese Router, die sich untereinander  verbinden. Wer das unterstützen möchte, kann dies ebenfalls selbst in die Hand nehmen und einen eigenen zusätzlichen Router anschaffen und entsprechend flashen (also mit neuer Software bespielen) oder bei Freifunkenden vor Ort einen bereits geflashten Router für einen geringen Preis kaufen. Dabei handelt es sich um bestimmte Typen von Routern, die mit Open Source Technologie entwickelt und mit einer freien Lizenz versehen wurden. Dadurch sind die Router so konzipiert, dass die Software abgewandelt werden darf, sofern sie am Ende ebenfalls einer freien Lizenz unterliegt. Sobald die Software angepasst wurde, verändert sich das Kommunkations/Verbindungsverhalten des Routers. Zuvor hat er lediglich gefunkt und andere Router ignoriert. Nun ist er in der Lage sich mit anderen Routern zu einem so genannten Mesh-Netzwerk zu verbinden. Je mehr Freifunk-Router miteinander in Funkreichweite stehen, desto größer wird das Netzwerk.

Dieser Grundgedanke der freien Kopie und Abwandlung unter gleichen Bedingungen ist einer der Stützpfeiler des Freifunkens. Alles was die Mitglieder erstellt haben, ist im besten Fall dokumentiert und unter freie Lizenz gestellt. Dadurch kann es weiter verteilt und weiterentwickelt werden. So entstehen immer neue Möglichkeiten innerhalb des Netzwerks.

Freifunk war beispielsweise dieses Jahr zum wiederholten Male beim Solarfestival vertreten, einem musikalischen Festival auf dem jeglicher Strom aus erneuerbaren Energien produziert wird. Die Festivalbesuchenden konnten sich im letzten Jahr über das Freifunk-Netz einwählen und auf dem ganzen Gelände den Livestream anschauen, der über das Mesh-Netzwerk verteilt wurde. In diesem Jahr hatten die Festivalbesuchenden die Möglichkeit mit einer Walkie Talkie Funktion für Smartphones Mumble zu nutzen, eine Sprachkonferenzsoftware, über die mit mehreren Menschen gleichzeitig gesprochen werden kann. Mit einem eingespeisten Internetanschluss konnten sich die Nutzer auch anonym im Internet einloggen. Freifunk ist ein alternatives Netzwerk, welches zum Teilen von Informationen und Dateien ideal ist. Das Internet ist hierfür kein notwendiger Bestandteil, denn ein eigenes Wikipedia, Chats, Telefonie, Teilen von Musik oder ein Livestreaming wie Radio sind problemlos möglich. Somit ist das Netzwerk nur von einer guten Funkverbindung, Strom und guten Ideen abhängig, die durch die Kreativität und das technische Know How der Freifunkenden stetig verbessert werden.

Die Störerhaftung – ein Hemmniss bei der weiteren Entwicklung des Freifunks

Die interessanteste und wichtigste Funktionen von Freifunk ist das Teilen bzw. Bereitstellen eines Zugangs zum Internet. In Deutschland ist es aufgrund der sogenannten Störerhaftung gesetzlich vorgeschrieben sein Internet zu verschlüsseln. Andernfalls werden die Bereitstellenden des offenen WLAN für den Download von illegalen Inhalten verantwortlich gemacht, nicht die Userin, die die Daten herunterlädt. Die Bereitstellenden haben derzeit mit Kosten bewehrten Abmahnungen wegen illegal heruntergeladenen Inhalten zu rechnen.

Um dieses Problem zu umgehen, haben aktive Freifunkende vor einiger Zeit den Förderverein freie Netzwerke  e.V. gegründet und diesen als Telekommunikationsanbieter (Provider) angemeldet. Diese sind in Deutschland von der Störerhaftung ausgenommen. Damit jemand, der einen Freifunk-Router bereitstellt, ebenfalls von der Störerhaftung ausgenommen ist, werden die Daten der Nutzer verschlüsselt und anonym über eine VPN-Verbindung über zwei Server zum Provider des Freie Netzwerke e.V. weitergeleitet. Dieses Verfahren sorgt dafür, dass die IP-Adressen dem Provider zugeordnet werden und die Störerhaftung unwirksam wird.

Eine andere und ebenfalls häufig angewandte Möglichkeit ist, einen im Ausland stehenden Ausgangsserver für den Datenverkehr vom Router ins Internet zu nutzen. Dadurch bekommen die Freifunknutzer eine ausländische IP-Adresse, für die die Störerhaftung z.B. in den Niederlanden oder Schweden nicht gilt. Somit ist der WLAN-Betreiber auch in diesem Fall geschützt.

Förderverein kämpft auch mit juristischen Mitteln gegen die Störerhaftung

Aktuell unterstützt der Förderverein zwei negative Feststellungsklagen, um herauszufinden, ob diese aufwendigen Verfahren zukünftig auch weiterhin notwendig sein werden. Sollten die Klagen zugunsten freier WLANs ausfallen und die Störerhaftung nicht auf Anschlussinhaber zutreffen, die ihren Internetanschluss teilen, wird es zukünftig weniger Hürden geben, sein Internet mit anderen Menschen zu teilen.

Freifunk gibt es mittlerweile in vielen Städten in ganz Deutschland mit unterschiedlichen Stoßrichtungen und Ideen. Damit die Freifunkenden sich jedoch nicht auseinander entwickeln, halten sie sich an das Pico Peering Agreement v1.0, welches ebenfalls während des ersten Treffens beim BerLon-Workshop im Jahr 2002 erarbeitet  wurde. Dieses ist in mehreren Sprachen verfasst und ist eine Vereinbarung, die länderübergreifend angewendet wird, um ein weltweites Netzwerk zu ermöglichen. Diese Vereinbarung befindet sich auf Pico Peering Agreement v1.0 und beinhaltet, dass der Eigentümer eine freie Netzwerkstruktur anbietet und alle Daten, die darüber laufen, nicht verändert, verfälscht, zensiert oder anderweitig einsieht. Der Eigentümer muss alle Netzwerkinformationen zur Verfügung stellen, damit sich alle Personen daran beteiligen können. Alles muss unter einer freien Lizenz veröffentlicht werden und der Eigentümer muss mindestens durch eine Emailadresse erreichbar sein. Er kann seinen Anschluss jederzeit offline nehmen, verpflichtet sich nicht dazu, dass dieser dauerhaft in Betrieb ist und bestätigt dadurch seinen Haftungsausschluss. Solange die Richtlinien nicht verletzt werden, kann jeder Eigentümer eigene Nutzungsbedingungen erstellen. Der Eigentümer darf kein Geld für die Bereitstellung der Netzwerkstruktur verlangen (Pico Peering Agreement v1.0). Diese Vereinbarung ist als kleinster, gemeinsamer Nenner zu sehen, auf dem alle weiteren Netzbewegungen basieren sollen.

Hohe private Gebäude und Kirchentürme – die optimalen Installationsorte für Freifunk Router

Unter dem Aspekt „optimale Installation von Freifunk Routern“ ist es wichtig diese Systeme möglichst ganz weit oben im Luftraum über der Stadt zu installieren. Nur so können sich die Funkwellen zwischen den Systemen möglichst ungestört ausbreiten und eine gute Verbindung gewährleisten. Besonders gut geeignet sind dazu natürlich hohe private Gebäude oder die lokalen Kirchtürme um Freifunk-Router dort zu betreiben. Daher sind gute Kontakte zur kommunalen Interessenvertretern (Parteien, Fraktionen, Verwaltungsmenschen) und anderen möglichen Unterstützern wichtig. Freifunkende suchen daher oft den Kontakt zur Stadt, um neue Orte für bessere Funkverbindungen zu erschließen.

Öffentliche Anbieter von WLAN-Netzwerken, welche häufig von Städten kontaktiert und für die Vernetzung von bspw. Marktplätzen genutzt werden, verlangen in den meisten Fällen die Daten der Nutzer. Dadurch sind die Nutzer eindeutig identifizierbar. Freifunk ist mit Rücksicht auf die Bürger und deren Selbstbestimmung die bessere Wahl. Bei der Einwahl ins Internet oder der Nutzung von anderen Diensten werden weder bei Offline- noch Online-Diensten persönliche Daten abgefragt oder protokolliert. Zudem bildet eine Registrierung in der Regel für fremdsprachliche oder technisch weniger versierte Menschen eine Barriere, durch die diesen der Zugang zum Netzwerk verwehrt bleibt. Freifunk wird auch in letzter Zeit häufig von Parteien gefördert, versteht sich aber in jedem Fall als Netzwerk, welches unabhängig bleiben MUSS.

Ich hoffe; dass sich das Freifunk Netzwerk über Stadt- und Landesgrenzen hinaus erweitern wird und immer mehr Dienste entstehen. Die letzten Monate haben uns noch einmal mehr vor Augen geführt, dass wir keine Kontrolle über unsere persönlichen Daten haben, wenn wir sie Unternehmen anvertrauen. Wir müssen versuchen ein alternatives Netzwerk aufzubauen, um uns zu schützen und den Zugang zu Informationen und freier Kommunikation zu bewahren. Mehr Informationen zu Freifunk, wie man der Initiative helfen oder selbst mitmachen kann gibt es auf www.freifunk.net.

Unterstütze die Arbeit von Peira mit flattrFlattr the author

Christina Herlitschka

Christina Herlitschka
Christina Herlitschka studierte in Köln an der ecosign nachhaltiges Design. Dort verfasste sie ihre Diplomarbeit zum Freifunk Rheinland e.V. und der Zusammenarbeit im digital-analogen Raum im Vergleich zur Allmende-Forschung von Elinor Ostrom. Während ihres Studiums arbeitete sie im Bereich Grafik, PR und Social Media für eine PR-Agentur in Düsseldorf. Diese Erfahrungen brachte sie in Vorträgen zum Thema “Kommunale Pressearbeit” in die Piratenpartei NRW ein.