Flüchtlinge, Sozialdarwinismus und Schutz

CC BY-NC 2.0 Rasande Tyskar

Ein Gastbeitrag von Sevasti Trubeta

Die Organe der EU und die nationalen Parlamente setzen ihre Auseinandersetzungen darüber fort, welchen Anteil der „Belastung“ durch Flüchtlinge jedes Land aufnehmen müsste bzw. geneigt ist, aufzunehmen. Zeitgleich vollzieht sich in den südlichen Ländern de facto das Management der Flüchtlingsströme, die in Richtung Mitteleuropa ziehen – und zwar in einer Weise, die an Sozialdarwinismus erinnert.

Solange Flüchtlingen keine sicheren Fluchtwege gewährt werden, ist ihre Rettung abhängig von ihrer physischen Kondition, der Behandlung durch Schleuser, dem Ausmaß der Gewalt, mit der sie an Staatsgrenzen konfrontiert werden, der Gunst der Natur sowie der Reaktion der lokalen Gesellschaften – entweder rassistisch, auf Gewinn zielend oder solidarisch.

Um welche der 60 Millionen Menschen, die – gemäß Hohem Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen-UNHCR – als Flüchtlinge gelten, streiten sich die EU Staaten?

Verfolgt man die Route der Flüchtlinge, so stellt man fest, dass sich in Richtung Mittel- und Nordeuropa vorrangig diejenigen bewegen, die die finanziellen Möglichkeiten haben, die Kosten ihrer Flucht zu bezahlen (selbst wenn es ihr gesamtes Vermögen kostet). Und von diesen werden wiederum diejenigen ihr Ziel erreichen, die es schaffen, die vielen, nahezu unüberwindlichen Hindernisse zu bewältigen, die über die physischen Kräfte verfügen und die das Glück haben, die Reise lebend zu Ende zu bringen.

Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten werden das schwerlich schaffen, aber selbst wenn, dann ist ihre Flucht aufwändiger und möglicherweise auch teurer (Zeugenaussagen von der Insel Lesbos sind bezeichnend: die Seerettung eines querschnittsgelähmten Mädchens samt Rollstuhl, die Fälle der Menschen, die in Mytilini starben, weil sie die Strapazen der Seeüberfahrt, der Gefangenschaft und des erschöpfenden Wartens nicht überlebten).

Diese Art „Grenzfilter“ haben die Flüchtlinge überwunden, die in Deutschland ankommen. Der Münchener Bahnhof, festlich geschmückt von den Bürgern, empfing im vergangenen Sommer die Neuankömmlinge mit dem Slogan “Willkommen, Flüchtlinge!“ In den deutschen Städten hat sich in den vergangenen Monaten ein Klima der Solidarität verbreitet, trotz der rassistischen Angriffe auf (geplante) Aufnahmezentren und der teilweise gegensätzlichen Aussagen von politischer Ebene.

In Berlin und anderen Städten Deutschlands gibt es täglich Bilder von einfachen Menschen, zuweilen Familien, die in den Flüchtlingsunterkünften vorbeikommen und erklären, dass sie für eine freiwillige Mitarbeit zur Verfügung stehen. Ihr Beweggrund kann Philanthropie sein, Mitleid, Solidarität, wie es gewöhnlich, wie wir wissen, auch in anderen Ländern geschieht, im (europäischen) Süden, in Griechenland.

Das Netzwerk der Solidarität für Asylsuchende und Flüchtlinge ist in Deutschland alles andere als neu (die Initiativen von „noborder“, von „welcome2europe“ und die Aktionen von „pro asyl“ sind nur einige Beispiele).

Jedoch wird etwas Neues am Horizont sichtbar, und es bildet sich nicht nur aus der Mobilisierung solidarischer Menschen, die nicht politisch engagiert sind oder es in der Vergangenheit nicht waren, sondern es bildet sich auch unter der Diskussion über die Perspektive einer dauerhaften Niederlassung der Flüchtlinge (Syrer) im Land.

Die Frage „Verträgt das Land Flüchtlinge, und wie viele“? wird auf politischer Ebene heiß diskutiert und verlagert sich in die öffentliche Sphäre. Das „Berliner Fenster“, das in der Berliner U-Bahn gezeigte Fernsehen, zeigt Umfragen, denen zufolge 55 Prozent der deutschen Bevölkerung annehmen, dass die deutsche Gesellschaft die Aufnahme und das Bleiben der Flüchtlinge „verträgt“.

Dem Leitgedanken einer bevorstehenden dauerhaften Eingliederung scheint auch die Initiative deutscher Universitäten verbunden zu sein, die Willkommensprogramme für Flüchtlinge auflegen, um eine Perspektive für die Nutzung ihres wissenschaftlichen Potenzials zu schaffen. Offenkundig gibt es eine neue Seite der deutschen Asylpolitik, sichtbar in der Botschaft des Bundespräsidenten Joachim Gauck an das deutsche Volk vom 29. August, in der er es auffordert ( mit klarer Andeutung für den auf den „Verfassungspatriotismus“), den Begriff der Nation neu zu bestimmen, eher als eine Gemeinschaft der „Verschiedenen”, die jedoch gemeinsame Werte teilen.

Der Empfang der Flüchtlinge wurde von den etablierten deutschen Massenmedien mit Merkmalen bekannt gemacht, die das Profil der deutschen Städte bestimmen, man könnte sagen, sie in einen Wettbewerb gegeneinander stellen: In einer ausführlichen Reportage stellt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ München als Stadt der „Weltklasse mit Herz“ dar, und man versäumt nicht, zu betonen, was sie Besonderes tut, das gegenüber anderen Städten, z.B. Berlin, überwiegt. („Der Spiegel“, H. 40, 26.9.2015).

Während die Massenmedien das Bild einer offenen und solidarischen Binnengesellschaft meißeln und auch ein positives Bild für die nördlichen Staaten vermitteln (z.B. Schweden), gibt es wenige Meldungen (wenn überhaupt) über die Aktivitäten der Solidarität in den Staaten des Südens. Die chaotischen Zustände und die Tragödie der Flüchtlinge – als ob eine Naturkatastrophe geschehen würde – führen zur Einseitigkeit in der Zusammenstellung des Bildes der südlichen Grenzen: Die Auslese geschieht dort, hierzulande wird Schutz gewährt.

So skizziert dieses Puzzle verschiedener Orte, mit unterschiedlicher Behandlung der Flüchtlinge die Landschaft eines Kontinents, getrennt in Zonen mit Kultur und Zonen der Barbarei: nördliche Länder mit organisiertem Empfang der Flüchtlinge und der Gewährung von Schutz versus südliche Länder mit Chaos, Gesetzlosigkeit und Tod an den Grenzen.

Das Bild von Europa aus der Perspektive der Flüchtlinge wird vielleicht ein anderes sein. Wenn sie ihre Passage wieder entgegengesetzt zusammenstellen – ähnlich der Reise „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ –, wenn sie die festlichen Bahnhöfe in Mitteleuropa verbinden mit den Grenzen Ungarns, der Ägäis, der Türkei, dem Mittelmeer, den gleichen Kontinent zurücklegend, den gleichen Staatenbund, in Boote gestapelt, auf Lastwagen oder zu Fuß…


Dieser Beitrag wurde erstmals am 15. Oktober 2015 in der griechischen Zeitung „Efimerida ton Syntakton“ – ein genossenschaftliches Projekt von ca. 100 Journalisten der ehemaligen Elevterotipia veröffentlicht. Wir danken Prof. Dr. Sevasti Trubeta für die Zustimmung zur Veröffentlichung. Ins Deutsche übersetzt von Christine Huber und Wolfgang Francich

 

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Sevasti Trubeta

Sevasti Trubeta
Prof. Dr. Sevasti Trubeta ist Soziologin und gegenwärtig Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin. Mit ihrer Fokussierung auf Themen wie "Grenzen und Körperdiskurse" hat Prof. Dr. Trubeta auch über die Südosteuropaforschung hinaus einen Innovationsschub ausgelöst. Die Medikalisierung von Grenzen und Eugenik in historischer Perspektive sind neue Felder in der Forschung Südosteuropas, die erst in jüngster Zeit empirisch bearbeitet werden.