Framing – aktuelle Beispiele aus der Sprache der Politik

Von Prof. Dr. Martin Haase

Von Framing ist die Rede, wenn es darum geht, mit Hilfe der sprachlichen „Verpackung“ von Botschaften bestimmte Bilder oder Konzepte zu assoziieren, so dass eine Botschaft positiver oder negativer klingt bzw. zu bestimmten Handlungen anstiftet oder andere Handlungen unwahrscheinlicher macht. Hier ein paar aktuelle Beispiele für Framing aus der Sprache der Politik:

Klimawandel

Schon in den 1990er Jahren war der Klimawandel in aller Munde, nämlich als es um das sich ausweitende Ozonloch ging. Man hatte damals sehr schnell den allenthalben verwendeten Stoff FCKW als Schuldigen ausgemacht und die Politik unterband sofort seine Verwendung trotz der damit einhergehenden wirtschaftlichen Einbußen – mit dem Erfolg, dass das Ozonloch tatsächlich zurückging. Der Klimawandel hieß damals Klimakatastrophe. Ob es daran gelegen hat, dass die Politik sofort reagierte, sei dahingestellt. Der Vergleich der beiden Wörter zeigt sehr schön, was es mit Framing auf sich hat: Bei Klimawandel wird das Phänomen als aus sich selbst heraus geschehend dargestellt. Etwas wandelt sich, ohne dass es aktiv verändert worden wäre. Insofern ist „menschengemachter Klimawandel“ geradezu ein Widerspruch in sich, ein Oxymoron. Dennoch wird in politischen Diskursen inzwischen das Wort Klimawandel vorgezogen, wohl gerade weil die Dringlichkeit, die der Begriff der Katastrophe mit sich bringt, gar nicht deutlich wird. Bei einer Katastrophe muss nämlich sofort gehandelt werden. Bewegungen wie Fridays for Future haben also ein Interesse daran, von Klimakatastrophe zu sprechen und nicht von Klimawandel.

Etwas unaufgeregter als Klimakatastrophe klingt Klimakrise, denn eine Krise impliziert immer, dass es sich um vorübergehende Probleme handelt. Zudem ist das Wort Krise inzwischen abgenutzt und hat deshalb an Wirkung verloren: Man denkt an die ausgestandene Bankenkrise oder die Flüchtlingskrise. Selbst bei der Coronakrise hoffen alle darauf, dass diese in den nächsten Wochen ausgestanden sein wird, was sich wohl als Trugschluss herausstellen wird. Vielleicht wird dann auch klar, dass die anderen Krisen nur vermeintlich überwunden sind. Einstweilen wird unter Krise immer ein mehr oder weniger schnell vorübergehender Zustand verstanden, der eben auch Gewinner hervorbringt, die interessanterweise Gewinnler heißen: Das pejorative Suffix ‑ler transportiert das negative Gefühl, das sich bei solchem Gewinn einstellt. Allerdings wird auch bei einer Krise politisches Handeln erwartet, bei einem Wandel eher nicht. Daher ist letztlich auch Klimakrise besser als Klimawandel, wenn einem wichtig ist, dass etwas geschieht.

Kohlekompromiss

Überhaupt scheint das Kompositionselement ‑Wandel ein Indikator für politisch und sprachlich auffällige Komposita zu sein: So auch bei Strukturwandel. Hier wird verheimlicht, um was für eine Struktur es geht: In der Regel geht es um Veränderungen im Bereich der Wirtschaft, doch oft wird auch ein Zusammenhang zur Gesellschaft hergestellt. So soll der Strukturwandel infolge des „Kohleausstiegs“ sozial verträglich gestaltet werden. Wieder ergibt sich der schon diskutierte Widerspruch zwischen „Wandel“ und „gestalten“. Wirtschaftlich geht es eigentlich nur darum, von der Energiegewinnung aus Kohle abzukommen und auf erneuerbare Energien umzusteigen. Das ist kein Wandel, sondern eine Veränderung, die notwendigerweise durchgeführt wird. Bei der sozialen Verträglichkeit geht es darum, die entstehende Arbeitslosigkeit abzufedern, indem in vom Kohleabbau geprägten Regionen andere Industrie angesiedelt wird, die die Arbeitslosen auffängt. In diesem Zusammenhang wird auch vom Kohlekompromiss gesprochen. Der Begriff Kompromiss verweist auf Politik, denn das Wesentliche an politischem Handeln in einer Demokratie ist die Kompromissfähigkeit. In diesem Fall denkt man, es ginge um einen Ausgleich zwischen Wirtschaftsinteressen und allgemeingesellschaftlichen Interessen, bei denen neben dem Sozialen vor allem das Abwenden der Klimakatastrophe (genannt Klimawandel) im Vordergrund steht. Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass es vor allem darum ging, die Energieunternehmen kostspielig zu entschädigen, obwohl es ja eigentlich in deren Interesse ist, in zukunftsweisende Technologie zu investieren. Ein anderes mögliches Framing läge vor, wenn von Subventionierung von Energieunternehmen gesprochen würde.

Ähnlich gelagerte Fälle des Framings von Wirtschaftssubventionen liegen vor bei der Abwrackprämie, die auch Umweltprämie genannt wird und jetzt wieder beim Umweltbonus, bei dem die Autoindustrie über den Kauf von Elektroautos subventioniert wird.

1%, 0,1%

Kapitalistische Wirtschaftssysteme führen zur Akkumulation von Reichtum. In diesem Zusammenhang ist häufig von 1% oder sogar 0,1% die Rede, der Gruppe der Reichen. Wie viele es genau sind, ist dabei egal. Es soll nur zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich bei den Reichen um wenige Menschen handelt, um eine kleine Gruppe von Kapitalisten eben (wobei Kapitalisten eigentlich all diejenigen sind, die am Kapitalismus partizipieren). Statt den Kapitalismus an sich in Frage zu stellen, wird gegen das eine (oder Null-Komma-eine) Prozent agitiert, was oft in Antisemitismus ausartet, wenn Namen wie Rothschild oder Warburg fallen. Aber auch wenn solche Namen nicht fallen, entsteht ein gruppenbezogenes Framing, das mit Kapitalismuskritik nichts zu tun hat.

Islamischer Staat

Islamischer Staat ist ein besonders augenfälliger Fall von Framing: Die Terroristen, die sich so nennen, assoziieren ihr Tun mit dem Islam, obwohl die Mehrheit der Muslime ihr Tun sicher ablehnt, und es sich wohl kaum mit Hilfe der Grundsätze islamischen Glaubens rechtfertigen lässt. Auch handelt es sich nicht um einen Staat. Den mag sich zwar mancher Terrorist erträumen, aber es gibt ihn nicht. Das Framing nützt allerdings auch den Gegnern der so firmierenden Terroristen, denn es erleichtert den Einsatz militärischer Mittel. Die Terroristen werden nämlich zu Kombattanten oder sogar Soldaten stilisiert, weil sie für einen vermeintlichen Staat im Einsatz sind.

Einzeltäter

Im Zusammenhang von rechtem Terror ist oft von Einzeltätern (gern auch widersprüchlicherweise im Plural) die Rede, die sich im Internet radikalisiert haben sollen. Das Bild, das hier hervorgerufen wird, besteht aus einer Einzelperson, die sich sozusagen von selbst in einen Terroristen verwandelt. Das Internet wird als unpersönliches Mittel der Radikalisierung konzeptionalisiert, als wäre es ein Buch, durch dessen Lektüre jemand zum Terroristen wird. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Der vermeintliche Einzeltäter gehört zu rechtsextremen Milieus, das über soziale Medien kommunizieren. Solche terroristische Netzwerke treffen sich überwiegend (aber nicht nur) virtuell und bestehen aus Personen, die sich gemeinsam radikalisieren, auch wenn diejenigen, die ideologisch zur Radikalisierung maßgeblich beitragen, hinterher mit den Attentätern nichts zu tun haben wollen, und dann besonders gern und laut von psychisch kranken Einzeltätern sprechen.

Das Schöne-Worte-Gesetz

Zur Gattung des Schöne-Worte-Gesetzes gehören:

  • das Gute-Kita-Gesetz
  • das Starke-Familien-Gesetz
  • das Geordnete-Rückkehr-Gesetz
  • das Faire-Kassenwahl-Gesetz

Der missverständliche Bezug (Enallagé: man denkt, das Adjektiv beziehe sich auf Gesetz, obwohl es sich auf das davor stehende Substantiv bezieht) ist an sich noch kein Fall von Framing, wohl aber die Assoziierung der Gesetze mit guten Kitas, starken Familien, geordneter Rückkehr und einer fairen Kassenwahl. Besonders interessant ist die Verwendung des Kurzwortes Kita, das gar nicht in die juristische Fachsprache passt. Ob die Gesetze überhaupt das erreichen, was sie versprechen, ist letztlich fraglich. Dennoch ist die assoziative Kraft dieser Wortbildungen so stark, dass es schwer fällt, gegen diese Gesetze zu sein.

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Martin Haase

Martin Haase
Martin Haase ist Inhaber des Lehrstuhls für Romanische Sprachwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Er engagiert sich in der Netzpolitik als Mitglied des Chaos Computer Clubs und im wissenschaftlichen Beirat der OpenKnowledge Foundation Germany, er ist seit 2003 Wikipedianer und seit 2009 Mitglied der Piratenpartei und Peira Gründungsmitglied.