Kulturförderung in Corona-Zeiten

Lestat (Jan Mehlich) / CC BY-SA

‚ÖFFNET DIE MUSEEN’ – Ein Anker-Projekt

 

Ein Gastbeitrag von Helmut M. Bien

Es gibt eine Reihe von reichlich unbequemen Wahrheiten, die die Corona-Katastrophe zu Tage fördert. Dazu gehört die Frage nach der Rolle bzw. Bedeutungslosigkeit von Kulturinstitutionen im Ernstfall. Bis in die Kulturszene hinein scheint die Meinung verbreitet zu sein, dass Kultur auf der Sonnenseite der Gesellschaft stattfindet und im Ernstfall eben keine Rolle hat  – außer vielleicht Duldungsstarre. Sonntagsreden über ihre fundamentale Bedeutung haben sich mit dem Weihrauch zusammen rasch in heiße Luft aufgelöst. Ist das jetzt das, was wir gerade miterleben, eine Stunde Null ? Kultur, oder kann das weg?

In den USA wird damit gerechnet, dass ein Drittel der Museen, die im Shutdown geschlossen wurden, gar nicht wieder aufmachen (Klaus Biesenbach). Da können wir mit unseren öffentlich finanzierten Museen froh sein. Es braucht nicht all zu viel Phantasie, um nach dem großen Kassensturz (Frankfurt erwartet schon heute Steuermindereinnahmen von 700 Mio. Euro, Köln 430 Mio. Euro) einen Klimawandel in den Budgetverhandlungen vorauszusehen. Aus Bauprogrammen dürften hoffentlich Mitarbeiter-Finanzierungen werden. Aber auch das ist nicht wirklich sicher, weil die Baukosten immerhin Vermögen darstellen, die Personalkosten aber durch die Lebensführung der Menschen aufgebraucht werden. Unser System der Kreditabsicherung bevorzugt totes Kapital.

Die Museen sind neben den Bibliotheken die ersten Kulturinstitutionen, die jetzt geöffnet werden können. Unser Appell (siehe unten) hat vielleicht einen kleinen Beitrag dazu geleistet, diese Öffnung zu forcieren. Jedenfalls in Berlin geht es schon am 4.Mai wieder los. NRW folgt in Kürze. Über dem Re-Opening und den ganz praktischen Fragen hängt ab sofort ein Damoklesschwert: die Frage nach der Relevanz und der Leistungsfähigkeit. In den künftigen Verteilungskämpfen wird sie so stark hinterfragt werden wie noch nie zuvor. Die fetten Jahre sind vorbei.

Die fetten Jahre sind vorbei

In den USA stellen sich solch komplizierte Fragen gar nicht erst, weil dort die Quote alles entscheidet. Wer viele Eintrittskarten verkauft, der findet auch Sponsoren, die es gut finden, mit vielen Leuten in Kontakt zu kommen. Die Quote als Kriterium hat auch bei uns eine alles beherrschende Rolle eingenommen und die Orientierung an der Besucherzahl führt zu Verwerfungen. In dem Augenblick, in dem beispielsweise in Berlin das Humboldt-Forum im Stadtschloß eröffnet wird, saugt die neue Attraktion den anderen Museen die Besucherschaft ab. Quoten lassen sich am besten mit Touristen erfüllen, die in ihrem kleinen Besuchszeitfenster unter einem gewissen Erlebnisdruck stehen und deshalb in die jeweils aktuellen Block-Buster drängen. In den kommenden Monaten werden die Touristenzahlen einbrechen und die Abstandsregeln werden die Kapazitäten extrem reduzieren. Da auf absehbare Zeit nicht mit der Rückkehr zur alten Sorglosigkeit zu rechnen ist, braucht es jede Menge neuer/alter Ideen, die mit Qualitäten zu tun haben und die wieder die Bedürfnisse einer lokalen Bürgerschaft ins Zentrum rücken. Es sollte wieder mehr um Einzelne und deren Bildungserlebnis gehen. Das wäre sinnvoll für den Wandel von einer Erlebnisgesellschaft zur Wissensgesellschaft. Gut, dass die Besucher dank der Abstandsregeln schon mal mehr physischen Raum und Bewegungsfreiheit in den Häusern bekommen.

Aus einer fernen Zukunft auf das Heute zurückgeblickt, könnte sich gerade eine kopernikanische Wende im Museumswesen abzeichnen. Nicht mehr das Exponat sondern der Mensch mit seinen Bildungsinteressen steht im Zentrum der Institution. Museen werden nicht länger vor allem Initiationsorte sein, an denen man irgendwann in seiner Biographie einmal in die Codes der Gesellschaft eingeweiht wird, sondern sie werden sich in Orte wandeln, die das Leben begleiten, die man häufig und vielleicht routinemäßig besucht, um sich auf den Stand der Künste, der Naturwissenschaften, der Technologie, der Lokalgeschichte, der vielen Fachdisziplinen zu bringen und den sozialen Kontakt zu einer Community zu genießen, mit der man Interessen, Vorlieben und Neigungen teilt.

Schon heute arbeiten manche Museen nach diesem Prinzip. Sie greifen beispielsweise die Flüchtlingsthematik auf und erzählen von der dramatischen Aktualität ausgehend die Geschichte von Flucht und Vertreibung bis hin zu den Mythen des Odysseus und der Vertreibung aus Troja. Diese Anknüpfungstechnik und Relevanz-Orientierung stellt die Museen, die sich im Sammeln und Bewahren erschöpften, vor große Personalprobleme. Wer soll das machen, höre ich schon die Profis die Augen rollend gen Himmel wenden.

Public Art Programm mit den Museen als Ankerplätzen

Gerade jetzt gibt es ein riesiges Heer an Kreativen, Künstlern und Wissenschaftlern, die aktuell und in Zukunft nach einer Institution suchen, an der sie andocken können. Das ist die Aufgabe für ein Public Art Program mit den Museen als Ankerplätzen. Hier sollte die Kulturpolitik viel Geld in die Hand nehmen und richtige Arbeit schaffen. In Großbritannien hat Hans Ulrich Obrist  (Serpentine Gallery) ein Programm gefordert, das an die Tradition der Public Works of Art Project von Franklin D. Roosevelt in den 1930er Jahren der Großen Depression anknüpft. Schickt die Künstler nicht in die Charity-Falle von bemitleidenswerten Kreaturen, denen gönnerhaft geholfen wird.

Museen müssen zu Produktionsstätten werden, die Menschen und Kompetenzen ‚versammeln’, die nicht nur Schätze, Preziosen oder Kunstmarkt-Ikonen einem staunenden Publikum präsentieren. Peter Weibel geht mit seinem ZKM in Karlsruhe diesen Weg. In Museen sollten die Bürger und Kompetenten den Mund aufmachen, um zu fragen und zu diskutieren, Antworten zu bekommen oder selbst an Ausstellungen und öffentlichen Projekten mitzuarbeiten.

Museen müssen neue Verhaltensmodelle entwickeln, die das Window-Shopping entlang von Vitrinen-Galerien ergänzen um tätiges Aneignen, Forschen und Kommunizieren. Die digitalen Medien stellen dafür inzwischen viele Mittel zur Verfügung. Noch sind die Anwendungen im Museum kaum mehr als die vertraute Diashow, Bildungsfernsehen, Technologie-Gimmicks oder Social Media-Narzissmus. Aber immerhin ist ein Anfang gemacht, den analogen Besuch mit einem digitalen Schatten zu vertiefen. Dadurch wird der Besuch weniger flach und oberflächlich. Der Besuch in der Ausstellung kann besser vorbereitet, begleitet und nachbereitet werden. Und damit wächst die Wahrscheinlichkeit, am Thema zu bleiben und  das Museum nicht als ‚gesehen’ abzuhaken, sondern kontinuierlich das Programm zu verfolgen.

Die aktuellen Notmaßnahmen, die Wahrnehmung von den physischen Bedingungen in Raum und Zeit zu entkoppeln, bleiben notgedrungen verdienstvolle Improvisationen, aber auch nur halbe Sachen. Menschliche Kommunikation braucht mehr sinnliche Ebenen als allein die Sprache und das Auge. Die Floskel von der Face-to-Face-Kommunikation trifft das Kommunikationsverhalten nur näherungsweise. 65 Prozent der Verständigung und Vertrauensbildung zwischen Menschen laufen über Berührung, Geruch, Körpersprache, Raumsituationen etc. ab. Bilder repräsentieren diese Vorgänge – nur ersetzen können sie diese nicht. Deshalb braucht es eine kluge Kombination von digitalen und analogen Ebenen, die die jeweiligen Stärken zusammenführen und sich in einem ‚Analogoklasmus’ ersetzen wollen.

Umsonst-Kultur aus den Internet-Flegeljahren

Die Museums- und Kulturangebote brauchen Plattformen des Austausches und der Präsentation. Sie müssen zugleich das Thema der Re-Finanzierung lösen. Weil Geld der Applaus unserer Zeit ist. Es braucht einen Bruch mit der Umsonst-Mentalität der Internet-Flegeljahre.

Das Umsonst-Konzept geht auf ein Künstlerkonzept zurück, dem zufolge es Menschen gibt, deren Expressions-Drang so groß ist, dass sie ihre Ideen und Fähigkeiten beinahe zwanghaft zeigen müssen. Selbst schuld. Und Aufmerksamkeit ist der einzige Lohn dafür, den das Publikum gönnerhaft spendet. Einer professionellen Künstler-Existenz entzieht eine solche Sichtweise die Grundlage. Unter solchen Bedingungen können nur blutige Anfänger oder bereits gut Abgesicherte längerfristig existieren. Für alle anderen wirkt dieses Konzept existenzvernichtend.

Auch hier braucht es einen Kulturbruch, der den reinen Überbietungswettbewerb einhegt und digitale Bezahlmöglichkeiten verknüpft mit freien und kuratierten Zonen für Hobby-Künstler und Talente. Die rasant entstehenden Streaming-Plattformen brauchen eine Kuratierung, die immer auch eine Beratung der Absender darstellt, damit die Aufmerksamkeit der Nutzer nicht ermüdet und das Interesse an allem Selbstgemachten und Hochgeladenem nicht ebenso rasant nachlässt wie es als Neuheit gehypt wurde. Die überwiegend amerikanischen Plattformen der Umsonst-Kultur, auf denen alle mit Daten, Zugriffs- und Verfügungsrechten bezahlen, müssen dringend ergänzt werden um Plattformen der lokalen oder regionalen Kulturszenen, die sich den lokalen Öffentlichkeiten verpflichtet fühlen und so schnell wie möglich auch wieder analoge Begegnungsmöglichkeiten schaffen.

 

Petition von westermann kulturprojekte an die Kulturschaffenden

Öffnet die Museen – sofort!

Der #Shutdown, diese Vollbremsung des Alltagslebens, war nötig. Auch die Letzten müssen begreifen, dass es in der Krise auf alle ankommt. Besonders in Gesellschaften, in denen man zuerst an sich selbst denkt, geht es nur so. Das Soziale kann sich kaum anders als durch Regeln effizient zur Geltung bringen. Das war auch schon 1973 bei den autofreien Sonntagen inmitten der Ölkrise so. Seit diesen Tagen hat uns die Energiefrage nie wieder verlassen. Dass jetzt und künftig die persönliche Gesundheit auf dem Spiel steht, haben alle kapiert. Auch diese Sorge wird nicht wieder verschwinden wie eine Grippe. Das ahnen wir. Und weiter?

Wir sehen, dass die Politik ‚auf Sicht’ durch die Krise navigiert, dass selbst die beratenden Experten vor allem wissen, dass sie zu wenig wissen oder sich sogar wechselseitig Unwissen vorwerfen. Alle, die Entscheidungen für sich und andere treffen müssen, brauchen Zugang zu den Wissensspeichern der Gesellschaft. Deshalb war es eine kontraproduktive Entscheidung, die Museen zu schließen. Dieser Fehler muss umgehend korrigiert werden. Öffnet sofort die Museen! Dort findet sich all das, was wir bisher an Wissen gesammelt haben über den Umgang mit Krisen und Seuchen, ihren Folgen und zu ihrer Bewältigung.

Geschichte ist die beste Zukunftswissenschaft, die wir haben. Weil wir im Rückblick auf die Vergangenheit sehen können welche Zukunftsoptionen, Szenarien und Entwicklungspfade wir wählen können, wollen oder sollen. Der Kulturhistoriker Egon Friedell hat seine ‚Geschichte der Neuzeit’ 1348 mit der Pest in Florenz beginnen lassen und die Seuche als einen Treiber für Literatur, Philosophie und Technologie identifiziert, aber auch als Anlass für Hexenverfolgung und Antisemitismus. Die Muster und Mechanismen haben sich viel weniger geändert als uns lieb wäre. In der Geschichte sehen wir welcher Weg wohin geführt hat. Aus dieser Erfahrung ergibt sich keine Zwangsläufigkeit für das Heute aber zumindest eine Warnung zu Risiken und Nebenwirkungen.

Das betrifft auch die Kunstgeschichte, die Beispiele zeigt, welche Strategien Künstler gewählt haben, um heil durch Krisen zu kommen. Claude Monet malte seine Seerosenbilder in Giverny, um mit der Verzweiflung über den ersten Maschinenkrieg 1914 – 1918 fertig zu werden. Das sind Geschichten der Krisenerfahrung, die nur die Museen im Angesicht ihrer Exponate erzählt werden können. Natürlich sind dabei auch digitale Wahrnehmungshilfen dienlich, aber immer auch ein wenig fahl und flau gegenüber den analogen Objekten. Deshalb öffnet die Museen und zeigt in den Sammlungen Objekte, die verstehen helfen. Beschäftigt Künstler nicht dafür, dass sie nichts tun sondern beispielweise Führungen machen, in denen sie ihre Sichtweisen und Strategien veranschaulichen. In der großen Depression in den USA gab es ein Künstlerprogramm, das Photographen beauftragte das Leben in der Krise zu dokumentieren. Aus diesem Programm gingen künftige Weltstars wie Walker Evans hervor, es entstand überhaupt erst etwas, das man als amerikanische Kultur bezeichnen konnte.

Öffnet auch die archäologischen Sammlungen und zeigt die Cloaca Maxima der Römer, ohne die eine Millionenstadt wie Rom niemals möglich gewesen wäre. Denn diese Cloaca schuf die Voraussetzung für die ungeheuere Verdichtung von Menschen an einem Ort. In Hamburg brauchte es erst einen Robert Koch, der 1892 zur Bekämpfung der Cholera in der Stadt engagiert wurde und den Zusammenhang von Seuche und fehlender (Abwasser)Infrastruktur aufdeckte.

Öffnet die Museen! Schöne Idee, aber wie soll das praktisch gelingen? Für den kommerziellen Raum gibt es die Regel, dass 1 Kunde auf 10 qm zulässig sein soll. Eine übliche Sonderausstellungsfläche im Museum hat 800 qm und damit Platz für 80 Besucher gleichzeitig. Für die meisten Museen in Deutschland dürfte das nicht wenig sein. Mundschutz-Benutzung und Hygienekonzept lassen sich leichter umsetzen als in jedem Geschäft. Sanitäre Anlagen werden sowieso penibel gewartet. An der Kasse lassen sich Plexiglashauben installieren wie an der Supermarktkasse. Selbst Führungen über Headphones sind machbar, weil die Zuhörer nicht dicht gedrängt um einen Guide herum stehen müssen.

Blockbuster-Ausstellungen arbeiten mit einem digitalen Ticketsystem, das online Karten verkauft und Zeitslots für den Besuch zuweist, damit nicht unnötig Warteschlangen entstehen. In kleineren Häusern ließe sich leicht eine Rezeption einrichten, die man telefonisch kontaktieren kann, um Karten und Besuchszeiten je nach Kapazität zu buchen. Jedes Restaurant macht es so mit seinen Reservierungen.

In Krisenzeiten erweist sich was Sonntagsreden wert sind. Systemrelevanz und Unverzichtbarkeit sind da wohlfeil, um dann in der Krise die Kultureinrichtungen sofort und reflexartig dichtzumachen und den hilfesuchenden Künstlern Einmal-Zahlungen anzubieten mit der impliziten Empfehlung, sich ein anderes Geschäftsmodell zu suchen.

Es wäre gut, wenn die Kulturverwaltungen eher Arbeit organisieren würden als Unterstützungsbedürftige zu betreuen. Niemals zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Kultur wichtiger als im Augenblick. Die Bedeutung der Kultur wird genau in dem Augenblick unterschätzt (übrigens auch von vielen Künstlern) wo die Gesellschaft dringend auf sie angewiesen wäre.

Die phantasievollen Streaming-Aktivitäten im Internet sind nur dann eine nachhaltige Lösung, wenn sie mit Bezahlmodellen verknüpft sind und nicht weitere Selbstausbeutungsinstrumente der Künstler, denen bei der nächsten Vertragsverhandlung nach der Krise vorgehalten wird, sie wären ja auch damals für umsonst aufgetreten.

Lasst die Museen vorangehen, sie sind für das #PersonalDistancing bestens geeignet im Unterschied zu den darstellenden Künste, die ihr Publikum in Raum und Zeit konzentrieren. Lasst 2020 zum Museumsjahr werden!

 

 

Helmut M. Bien

Helmut M. Bien
Helmut Maternus Bien Ausstellungsmacher, Festival-Kurator, Museumsberater westermann kulturprojekte Bien hat an der FU Berlin Philosophie, Psychologie und Pädagogik studiert, u.a. für den SFB (rbb-Vorgänger) als Journalist gearbeitet, bei den Berliner Festspielen Ausstellungen kuratiert und zahlreiche kulturhistorische Ausstellungen in Frankfurt/M., Düsseldorf, Hamburg, München realisiert. Für Frankfurt hat er die Luminale- Biennale der Lichtkultur erfunden und langjährig betreut. Seit 1993 Geschäftsführer von westermann kommunikation. Letztes Großprojekt war Dona Nobis Pacem, eine Projektion auf den Kölner Dom anlässlich 100 Jahre Ende des Ersten Weltkrieges, 2018 info@westermann-kommunikation.de