Ohnmacht, Zwang und Psychiatrie – humane Uhren laufen langsam

CC BY-NC-SA Claus Thoden

Ein Gastbeitrag von Wolf-Dieter Narr

Der nachfolgende Text zeichnet die lange Geschichte psychiatrischen Zwangs und des zähen Widerstands, ihn menschengemäß zu beenden, nach. Er wurde im Nachgang zur Konferenz „Psychiatrie ohne Zwang – Was ist das?“, die Ende November 2013 in der Universität Essen stattfand, geschrieben. Die Konferenz wurde neben anderen von der Fraktion der Partei die Linke im Landschaftsverband Rheinland und Westfalen-Lippe organisiert.

1. Wie kommt es im kontinuierlich zusammengehaltenen Wandel der Jahrhunderte, dass psychiatrischer Zwang als schwarzes Immergrün mitten im expandierenden Bürgertum gedieh – soweit wir wissen darüber und darunter?
Das, was Psychiatriekritik im Zeichen von Michel Foucault und danach herausgefunden hat, vor und nach Bentham’s Panoptikum, vor und nach dem von Foucault behandelten Katarakt während des europäischen 18. und frühen 19. Jahrhunderts, der zunächst primär anatomisch gegründeten „Geburt der Klinik“, will sagen moderner, prätentiös angestrebter naturwissenschaftlich analoger Medizin, kann und will ich nicht dicht beschreiben. Die Psychiatrie, genauer die Praxis ihrer hegemonialen Anhänger (und -innen) folgten jedenfalls früh der Hauptstraße zu vermeinen, sie vermöchten mit äußerlichen Mitteln, unter denen der Elektroschock am prominentesten wurde und nach wie vor nachschockt oder psycheinnenwirksamen medikamentösen und Injektionen die ihres Erachtens krumme Seele wieder gerade zu richten. Sonst müsse sie, psychiatrisch überwacht, isoliert werden.
Immerhin schaffte die Psychiatriekritik es – ich erfuhr sie in Berlin vor allem durch das „Weglaufhaus“ und die „Irren-Offensive“, in ihren Publikationen und Aktionen, z. T. tagungsgeschürzt wie dem Foucault-Tribunal im Mai 1968, darauf ausgingen, den Stein psychiatrischen Zwangs, nicht nur sisyphoshaft vergeblich ins Rollen zu bringen. Die Mühen waren und bleiben beträchtlich. Dass es es den antipsychiatrischen Initiativen passieren kann, wie seinerzeit Sisyphos in der Homerübersetzung von Johann Heinrich Voss, ist weder heute, noch in Zukunft ausgeschlossen. Doch hohe Hürden wurden jedenfalls in der Bundesrepublik gelegt und aufgestellt:

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Wolf-Dieter Narr

Wolf-Dieter Narr
Wolf-Dieter Narr lehrte von 1971 bis 2002 als Professor für empirische Theorie der Politik am Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität Berlin. Seine Publikationen beschäftigen sich mit Menschenrechte, Globalisierung und Demokratie. Darüber hinaus verleiht er seinen Grundüberzeugungen mit politischen Aktionen Nachdruck. Narr ist Mitgründer und Mitsprecher des Komitees für Grundrechte und Demokratie.