Planetarischer Datenklau

Ein Gastbeitrag von Elmar Altvater

Geoengineering. Edward Snowden zeigt uns, dass wir tatsächlich in ein neues „Erdzeitalter“ eingetreten sind. Aber es gibt kein Grund zum Jubel. Auch wenn es etwas still geworden ist um Edward Snowden, der in seinem Moskauer Exil verharrt: Die bedrohliche Macht der Geheimdienste, die er offengelegt hat, ist nicht geringer geworden. Die US-amerikanische NSA und der britische GCHQ spionieren mit ihren Komplizen aus Kanada, Australien und Neuseeland (die „five eyes“) weiterhin die Bürgerinnen und Bürger in aller Welt aus. Die Privatheit wird weiter zerstört, die nach Art. 8 der Menschenrechtscharta geschützt ist. Die Dienste rechtfertigen dies mit dem Argument, es ginge um Früherkennung terroristischer Aktivitäten und daher um den Schutz der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Das wäre nur stimmig, wenn es gute Gründe dafür gäbe, die Milliarden Bürgerinnen und Bürger unter den Generalverdacht zu stellen, sie könnten die post-demokratische politische Ordnung gefährden.

Doch die Bespitzelung der Welt, die Edward Snowden zum öffentlichen Skandal gemacht hat, ist mehr als ein planetarischer Datenklau. Sie passt in die Denk- und Handlungsmuster des Geoengineerings. Gemeint ist ein Denken, das den vielfältigen Krisenprozessen unserer Zeit mit technischen Mitteln auf planetarischem Niveau beikommen will: Der Klimakollaps könne durch „Radiation Management“ in der oberen Stratosphäre abgewendet, die Energieversorgung mit Fusionsreaktoren gesichert, der Hunger mit einer „grünen Revolution“ überwunden werden (siehe Kasten am Ende des Beitrags). Auch die Geheimdienste nehmen mit den Informationstechniken eines neuen Erdzeitalters Zugriff auf Wissen, mit dem sie die Geschicke der Menschheit kontrollieren können. In einem Interview aus seinem russischen Exil erklärte Edward Snowden: „Das größte Problem ist die neue Technik der allgemeinen Massenüberwachung, bei der Regierungen jeden Tag Milliarden über Milliarden von Daten über die Kommunikation Unschuldiger sammeln.“

Wir wollen, so Präsident Obama in einem Interview mit einem Journalisten des Zweiten Deutschen Fernsehens am 18. Januar 2014, „rauskriegen, was die Leute denken und tun“. Warum der Aufwand, einen großen Teil der Weltbevölkerung auszuspähen? Ganz einfach: Damit man sie besser unter Kontrolle halten kann.

Das Anthropozän

Dass der Datenklau überall dort auf dem Planeten Erde systematisch organisiert worden ist, wo Zugang zu Festplatten und zur Cloud möglich ist, hat die US-Regierung mittlerweile eingeräumt. Dass Obama Angela Merkel nicht weiter heimlich, still und leise belauschen wird und dass der Datendiebstahl rationalisiert, verfeinert und verschlankt werden soll, kann man ihm sogar glauben. Die Angelegenheit ist damit aber keineswegs abgehakt. Sie passt zu gut zu anderen Projekten „planetarischer Ingenieurskunst“, die als „Geoengineerig“ bezeichnet werden und die zusammengenommen die Vorboten einer neuen Zeit sind.

Geowissenschaftler haben das neue Erdzeitalter auf Vorschlag des Klimatologen und Chemie-Nobelpreisträgers Paul Crutzen bereits das „Anthropozän“ genannt, das vom Menschen gemachte Erdzeitalter. Da Menschen immer in bestimmter gesellschaftlicher Konstellation bzw. Formation handeln und diese kapitalistisch dominiert wird, wäre das Anthropozän genauer als „Kapitalozän“ zu bezeichnen.
In diesem planetarischen Zusammenhang ist der Datenklau von NSA und den „fünf Augen“ tatsächlich ein Anschlag auf die Bürger- und Menschenrechte, zumal wenn der Präsident der (heute) „einzigen Supermacht“ angekündigt, dass das Sammeln von Informationen und deren Nutzung zur Sicherung der US-Sicherheitsinteressen weiter gehen wird. Das passt in einen Rahmen, den der US-amerikanische heterodoxe Ökonom Kenneth Boulding (1910 – 1993) in einem später berühmt gewordenen Aufsatz über „die Ökonomik des zukünftigen Raumschiffs Erde“ im Jahr 1966 beschrieben hatte.

Die Evolution des Lebens – und insbesondere die des Menschen und seiner Zivilisation auf Erden – hängt, so Kenneth Boulding, von der Entwicklung von drei Erdsystemen ab: Von der Energiezufuhr, den Materialflüssen und dem Wissen. Zur Energieversorgung bedienen wir uns der in Kohleflözen, Erdgasblasen und Ölfeldern fossil gespeicherten Sonnenenergie, anstatt den unendlichen und ewigen Strahlenfluss der Sonne zu nutzen. Das ist bequem und hat uns in den vergangenen 250 Jahren hohes Wachstum und beträchtlichen Wohlstand gebracht – und dazu beigetragen, die fossilen Lager zu plündern, auch wenn immer wieder „nicht-konventionelle“ Lagerstätten aufgefunden werden. Die bei der Verbrennung der Kohlenwasserstoffe entstehenden Emissionen haben die Erde in ein Treibhaus verwandelt.

Mentalität von Cowboys

Das zweite Erdsystem bilden die Materialflüsse, indem wir die mineralischen Rohstofflager ausbeuten. Die Erde behandeln wir, so sagte es sarkastisch der Philosoph Günther Anders, wie eine auszubeutende Mine. Und was ausgebeutet werden kann, wird auch ausgebeutet. Um die Abfälle, um die Emissionen, kümmern wir uns wenig, solange sie „in des Nachbarn Garten“ entsorgt werden können. Dieses Prinzip wenden wir auch auf die agrarischen Rohstoffe an, auf Pflanzen und sogar auf Tiere, die wir gnadenlos unserer – wie Boulding sie nennt – Mentalität von Cowboys unterwerfen, so als ob es keine natürlichen und ethischen Schranken in dem „Raumschiff Erde“ gäbe.

Das dritte Erdsystem ist in Bouldings Raumschiff-Metapher das Informationssystem. Einerseits ist dieses permanent in Bewegung. Die Menschen erraten und entdecken Unbekanntes, erlernen Wissen von anderen, erspähen neugierig Neues, erkennen innere Zusammenhänge und fügen so dem Wissensbestand neue Erkenntnisse hinzu. Sie vergessen aber auch so manches, sie verlernen den Umgang mit dem, was nutzlos geworden ist, verwerfen vieles, was obsolet ist. So kommt es, dass der Wissensbestand, der vom französischen Theologen und Philosophen Teilhard de Chardin und dem russischen Geologen Wladimir Wernadski als „Noosphäre“ bezeichnet wird, waberndes Wissen ist. Deshalb zieht Peter Sloterdijk die Noosphäre für seine These heran, dass die Erdsphären gar nicht begrenzt seien und daher Grenzen des Wachstums durch das Wachstum der Grenzen überwunden werden könnten.

Freilich ist nur die Wissenssphäre in wabernder Bewegung, das Informationssystem ist es nicht, jedenfalls nicht, wenn man den jeweils momentanen Wissensbestand vor Augen hat, so wie er auf PC-Festplatten oder auf Servern in der „Cloud“ „exosomatisch“ (also nicht „endosomatisch“ im menschlichen Hirn) gespeichert ist. Dieser Bestand von Wissen und von Informationen ist zum Teil offen zugänglich (Open Source, Prinzip Wikipedia), kann zum Teil gegen einen Marktpreis gekauft werden, wenn das freie Wissen („die Gedanken sind frei“) mit Hilfe von Patenten oder der Copyright-Regel exklusiv gemacht wird, ist zum Teil aber überhaupt nicht allgemein zugänglich, es ist „im Herzen verschlossen“ oder von mächtigen Informationsmonopolisten als „top secret“ definiert worden.

Das Wissen ist entscheidend für die Entwicklung eines vierten Erdsystems, der Wirtschaft nämlich. Diese ist heute ein globaler Mechanismus der Transformationen von Energien und von Stoffen. Sie folgt dabei einer kapitalistischen Logik ständiger Inwertsetzung und Verwertung. Es ist daher zwar richtig, wenn Kenneth Boulding in den 1960er Jahren schreibt: „(…) der Ursprung einer Maschine (ist) die Idee eines Menschen und sowohl ihre Konstruktion als auch ihr Einsatz haben mit Informationsprozessen zu tun, die die Menschen auf die materielle Welt übertragen. Die Anhäufung von Wissen (…) ist der Schlüssel zu jeder menschlichen Entwicklung, besonders zu wirtschaftlicher Entwicklung.“ Dieses Wissen muss sich auf beide Charaktere des Wirtschaftens beziehen, auf die stofflichen und energetischen Abläufe in den entsprechenden planetarischen Systemen und auf die ökonomischen Gesetze und natürlich auch auf die Interessen, die ökonomische Akteure verfolgen.

Anzapfen ist Geschäftsprinzip

Nun sind wir mit einem bekannten Paradoxon konfrontiert: Die Erdsysteme sind allesamt begrenzt, die Noosphäre nur dann nicht, wenn wir das Wissen wabern lassen. Die kapitalistische Wirtschaft allerdings ist auf Expansion programmiert, dafür sorgt bereits der Druck der Finanzmärkte, der ja politisch zum Beispiel von der Troika weitergegeben wird. Das ist ein Widerspruch, der politische Intervention herausfordert. Wenn die Wirtschaft so abhängig von Informationen ist, wie Kenneth Boulding unterstellt, dann ist die Verfügung darüber ein Konkurrenzvorteil. Denn auch wenn die globalisierte Wirtschaft ein Erdsystem ist, gliedert sich diese doch in nationalstaatliche Standorte, die miteinander konkurrieren.
Dann ist es vorteilhaft, Wissen zu akkumulieren, auch wenn es nicht in den eigenen Schulen, Universitäten, Laboren produziert worden ist. Daher war es nicht überraschend und dennoch schockierend, als Edward Snowden in dem schon erwähnten Interview aussagte, dass die USA in großem Stil die Wirtschaft der Konkurrenz ausspionierten. Die US-Regierung verfolgt also in grandiosem Maßstab zu Lasten ihrer Konkurrenten in Europa und anderswo eine Strategie, die der US-amerikanische Sozialgeograf David Harvey als „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet.

Die globalen Wissensbestände anzuzapfen ist daher ein Geschäftsprinzip, dem sich auch die Staaten in der globalen Konkurrenz verschreiben. Industriespionage gehört dazu, die Sammlung von Informationen über die Strategien der Partner, Konkurrenten, Gegner. Auch der „brain drain“ von gut ausgebildeten, „besten Köpfen“ aus peripheren Ländern in die Metropolen (und gleichzeitig die Abschottung vor „Sozialtouristen“ oder „Armutsmigranten“) ist Teil dieser Strategie.

Das neue Erdzeitalter, über das schon begeisterte Bücher geschrieben worden sind, lässt sich also gar nicht gut an. Snowden hat uns darauf aufmerksam gemacht, wie gefährlich die Maßnahmen des Geoengineerings im Informationssystem, die Wisensbeschaffung aus der planetarischen Cloud, aus den verschlüsselten Handys von Angela Merkel oder Dilma Rousseff oder aus der unübersehbaren Masse (un)verschlüsselter E-Mails normaler Bürgerinnen und Bürger für das friedliche Zusammenleben und dessen demokratische Gestaltung und für die Freiheitsrechte jedes und jeder einzelnen sind.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 24. März 2014 auf „Der Freitag.de“ veröffentlicht. Wir danken Elmar Altvater und der Freitag-Redaktion für die Zustimmung zur Veröffentlichung.


Groß geplante Eingriffe in natürliche Abläufe

Geoengineering bezeichnet die Manipulation von Umweltkreisläufen mit geochemischer oder biogeochemischer Technologie. Entwickelt wurde der Ansatz schon in den 1970er Jahren vom italienischen Physiker Cesare Marchetti. Noch existiert Geoengineering nur theoretisch und wird von Experten und Politikern nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Der Fokus der Vorhaben liegt auf dem Stoppen der Klimaerwärmung, der Reduktion der CO2-Konzentration in der Atmosphäre und dem Verhindern einer Meeresversauerung. Ein Vorschlag beinhaltet, dass man weltraumtaugliche Sonnensegel zwischen Erde und Sonne anbringt, um die Erde zu beschatten und ihre Temperatur zu verringern.„Künstliche Bäume“ könnten, mit Hilfe von Natriumhydroxid und Kalk, CO2 in der Atmosphäre binden. Besonders die europäische Meinung zum Geoengineering ist von Skepsis geprägt. Die Lösungsansätze könnten Nebenwirkungen mit sich bringen, die gleichzeitig Klimasystem und Umwelt gefährden würden, so die kritischen Stimmen. 
Moralisch, ethisch und politisch bietet das Thema also erhebliches Konfliktpotenzial. Kritisch scheint auch die Tatsache, dass die Ursache für das Problem ein-fach übergangen wird.

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Elmar Altvater

Elmar Altvater
Elmar Altvater, ist Ökonom und Soziologe. Bis 2004 war er Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin. Er hat zahlreiche globalisierungs- und kapitalismuskritische Schriften veröffentlicht und ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von attac Deutschland.