R.I.P. Wolf-Dieter Narr

Nachrufe auf Wolf-Dieter Narr, geboren am 13. März 1937 in Schwenningen; gestorben am 12. Oktober 2019 in Berlin,

memorial „Das anarchistische Motiv im Herzen“ – Ein Nachruf von Bernd Drücke

Aus Graswurzelrevolution Nr. 443, November 2019

„Wenn ich sterbe, dann musst Du in der Graswurzelrevolution den Nachruf auf mich schreiben. AAAABER: Du solltest auch darauf hinweisen, dass ich derjenige war, der die längste Rezension in der Geschichte der Graswurzelrevolution geschrieben hat!“

Mit diesem Wunsch, oder sollte ich besser sagen „Auftrag“, ist Wolf-Dieter Narr im Mai 2014 im Garten des selbstverwalteten Wohnprojekts Breul-Tibus Münster an mich herangetreten, einen Tag nachdem ich eine Trauerrede auf unsere gemeinsame Freundin Ute Sigrist auf einer Gedenkfeier gehalten hatte.

Für Menschen, die nicht das Glück hatten, den Politikwissenschaftler zu seinen Lebzeiten kennengelernt zu haben, hört sich das vielleicht makaber an, aber tatsächlich kommt in dieser Aufforderung auch Wolf-Dieters umwerfend trockener schwarz-roter Humor zum Vorschein.

Selbstironie und die Fähigkeit über sich lachen zu können, waren Eigenschaften, die ihm immer wieder die Kraft gaben, für die Menschenwürde und gegen Ungerechtigkeit, Herrschaft und seine Krankheit zu kämpfen. Natürlich war ihm bewusst, dass die Redaktion der Graswurzelrevolution mit dem Überarbeiten und Kürzen seiner Rezension zu Thomas Wagners Dissertation „Irokesen und Demokratie. Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation“ mehr Arbeit hatte als er.

Seine unbearbeitete Rezension hatte einen Umfang von 78.000 Zeichen (!) und hätte somit auch als Büchlein erscheinen können. Wir haben sie auf 20.000 Zeichen (zwei GWR-Seiten) gekürzt und im Sommer 2007 unter dem Titel „Von den Indianern lernen. Ein Irokesenschnitt weltweiter Verfassungen – eine dringende Lektion am Beginn des 21. Jahrhunderts“ in der GWR 320 veröffentlicht. (1)

Und das war nur einer von vielen Artikeln, die der „närrische“ Universalgelehrte in den letzten 20 Jahren für die Graswurzelrevolution geschrieben hat. (2)

Wolf-Dieter hat sich eher selten an Zeichenabsprachen gehalten und es war für mich als Redakteur immer auch eine Herausforderung, seine Manuskripte zu lektorieren. Sie zeichneten sich nicht zuletzt auch durch Wortneuschöpfungen und eine einmalige, eigenwillig-kreative bis seltsame Schreibweise aus. Aber es hat sich immer gelohnt! Wolf-Dieter war intellektuell brillant und so charmant, dass es schwierig war ihm einen Wunsch abzuschlagen. Er gehört zu den großartigsten Persönlichkeiten und warmherzigsten Menschen, die ich bisher in meinem Leben kennenlernen durfte.

Obwohl er sehr gut mit meinem Doktorvater Christian Sigrist (1935 – 2015) befreundet war, habe ich ihn, laut taz einer „der wichtigsten kritischen Intellektuellen des Nachkriegsdeutschlands“ (3), erst nach meiner Promotion persönlich kennengelernt.

Dabei hatte ich ab 1986 während meines Politik-, Pädagogik- und Soziologiestudiums in Münster und auch als Aktivist in den sozialen Bewegungen viel von diesem legendären Wissenschaftler und Aktivisten gehört. Wolf-Dieter war Mitherausgeber unter anderem von „Bürgerrechte & Polizei“. 1978 war er Mitinitiator des 3. Russell-Tribunals über die Situation der Menschenrechte in der Bundesrepublik. 1980 hat er das „Komitee für Grundrechte und Demokratie“ mit gegründet und danach jahrzehntelang geprägt.

„Narr war als Kind noch Zeitzeuge der Nazi-Diktatur, politisch sozialisiert im Studentenkongress gegen Atomrüstung sowie im Sozialistischen Büro. Das ‚SB‘ war ein kampagnenstarkes Sammelbecken undogmatischer Linker. Die Anti-Parteien-Partei, in der neben ihm Gleichaltrige wie Oskar Negt, Ursula Schmiederer, Andreas Buro, Elmar Altvater und Klaus Vack den Ton angaben, war eine Art linkes Akademikerparlament, offen für die Vielzahl der in den 1960er Jahren entstandenen sozialen Bewegungen“, schreibt Claus Leggewie in seinem Nachruf auf Wolf-Dieter in der Süddeutschen Zeitung vom 14.10.2019. (4)

An meiner Uni in Münster waren nicht so sehr die Schriften von Wolf-Dieter in der Diskussion, sondern vor allem seine emanzipatorischen Aktionen, die für profeministische Studis und Anarchisten – wie auch mich – wegweisend waren. Dass die beiden linken Professoren Wolf-Dieter Narr und Peter Grottian 1985 auf ein Drittel ihres Gehalts am Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität Berlin verzichteten, um dort eine Professur für Frauenforschung zu finanzieren, sorgte jahrelang bundesweit für Diskussionen und Hochachtung. Bis auf eine Ausnahme gab es aber keine Professoren, die es den beiden Selbstlosen gleichtaten.

Wolf-Dieter war ein solidarischer Mensch. Als mein Lehrauftrag am Institut für Soziologie (IfS) in Münster nach dem Sommersemester 2003 aus politischen Gründen („Der linksextreme Sumpf am Institut muss endlich trocken gelegt werden“) nicht mehr verlängert wurde, bot er mir an, nach Berlin zu kommen und bei ihm zu habilitieren. Da mir aber nicht zuletzt die GWR und das Wohnprojekt in Münster, in dem ich mit meinen Liebsten seit 1991 lebe und in dem auch Wolf-Dieter immer wieder gerne übernachtete, am Herzen lagen und liegen, habe ich dieses Angebot nicht angenommen.

Wolf-Dieter war – nicht nur laut Tageszeitung junge Welt – „einer der wichtigsten kritischen Sozialwissenschaftler der BRD“. Er lehrte seit 1971 am OSI. Der Herrschaftskritiker und Humanist erlebte eine Zeit, in der die „Marxisten-Leninisten mit Knarre“ bzw. RAF-Guerilleros auf Fahndungsplakaten unter dem Titel „Vorsicht Anarchisten“ gesucht wurden und „Anarchist“ permanent als Schmähbegriff und Synonym für „Terrorist“ verwendet wurde. Wolf-Dieters Kollege Peter Brückner wurde 1977 Opfer dieser „Terroristenhysterie“. Wegen der Mitherausgabe und Dokumentation des zuvor inkriminierten „Buback-Nachrufs“, in dem ein anonymer Göttinger Mescalero sowohl den Staat als auch die RAF aus anarchistischer Sicht kritisiert, wurde der kritische Sozialpsychologe und Hochschullehrer suspendiert. Es folgten eine Reihe von Gerichtsverfahren, Berufsverbot und eine Pressehetzkampagne von BILD und Co. gegen den linken „Terror-Professor Brückner“. Die Graswurzelrevolution und zig andere linke Zeitschriften, die sich trauten den Nachruf zu dokumentierten, wurden mit Ermittlungsverfahren und Prozessen überzogen. Undogmatische Linke wurden durch Rufmordkampagnen, Razzien und Drohbriefe eingeschüchtert.

Vielleicht liegt es an den traumatischen Erfahrungen, die auch Wolf-Dieter im „Deutschen Herbst“ 1977 gemacht hat? So oder so, zum Anarchismus bekannte er sich jedenfalls erst nach seiner Emeritierung.

Er tat es „unauffällig“ in seiner im Juni 2003 in der Graswurzelrevolution Nr. 280 erschienenen Rezension zu Peter A. Kropotkins „Memoiren eines Revolutionärs“. In seiner Auseinandersetzung mit Kropotkins Werk reiht er sich unter dem Titel „Anarchistische Anmerkungen anlässlich einer Neuauflage“ in die anarchistische Tradition ein, quasi nebenbei: „… schließlich regen sie [die ‚Memoiren eines Revolutionärs‘] dazu an, und geben manche Nahrung dafür, über die ‚Sprüche‘, sprich die ‚Wirklichkeitskraft‘ und die Widersprüche seinerzeitigen und, soweit davon gesprochen werden kann, heutigem Anarchismus sich Rechenschaft abzulegen – so man sich, wie dies für den Verfasser gilt, selbst – lose und verbindlich zugleich, also anarchistisch – in die anarchistische Tradition einreiht.“ (5)

So schön wie Wolf-Dieter hat wohl noch kein Mensch sein spätes Comingout als Anarchist formuliert!

In einem langen Interview, das Muriel Schiller und ich im Juli 2012 mit Wolf-Dieter im Studio des medienforum münster geführt haben, beschreibt er auch, wie es dazu kam, dass er sich so intensiv mit dem Anarchismus beschäftigt hat:

„Mir ist es erst spät bewusst geworden, dass das anarchistische Motiv schon immer in meinem Herzen gewirkt hat. An der Ordinarienuniversität war ich von Anfang an kritisch.“

Er habe niemanden mit „Professor“ angeredet und diesen Titel später auch nicht geführt. WDN: „Ein herrschaftskritisches Element war seit dem ersten Semester bei mir vorhanden, aber erst später ist mir klar geworden, dass die anarchistische Idee demokratisch-menschenrechtlich nur konsequent ist. Die anarchistische Konzeption ist radikaldemokratisch, lässt Kritik zu, nimmt das Gegenüber immer ernst und stellt jede Form von Hierarchie in Frage.“ (6)

Keine Organisation werde davon leben können, dass alles spontan geschieht. Alle Organisationen haben laut WDN die Tendenz, ein Stück Ungleichheit hervorzubringen. Wenn man sich das vor Augen halte, helfe es, die Organisation von einer rigiden Form fernzuhalten.

WDN: „Für mich und mein Fach, also die politische Soziologie, die politische Wissenschaft und Soziologie, hat sich eine anarchistische Herangehensweise gebildet. Dies geschah vor allem vor der Frage: Wie kann man denn eine Gesellschaft nicht-staatlich organisieren, ohne zu denken, dass plötzlich alle Menschen fröhliche Säuglinge wären? Wie kann man eine große problembehaftete Gesellschaft organisieren, ohne dass es ein Monopol der physischen Gewalt gibt? Insofern steht im Anarchismus für mich die Gewaltfreiheit ganz zentral.“

Bakunin aus heutiger Sicht zu kritisieren sei unsinnig. Bakunin habe Gutes geleistet, es komme mehr darauf an, die zentralen Prinzipien ins Heute zu übertragen, als frühere Jahrhunderte zu kritisieren. Kropotkins „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ sei zwar teilweise naiv, aber wunderbar. Diese Naivität sei nicht blind, sondern zeige, was generell von Natur aus möglich ist. Wolf-Dieters eigene Konzeption von Menschenrechten war schon die, dass es keine Ontologie von guten Menschen gebe, sondern dass man das vor dem sozialen Hintergrund sehen müsse. „Das kann man vom Nationalsozialismus lernen: Dass meine Eltern Nazis geworden sind, lag nicht in ihrer Natur. Dazu kenne ich sie zu gut.“

Menschen seien hochgradig von ihren äußeren Bedingungen abhängig. Es sei wichtig das Bild einer Gesellschaft auch vor diesem Hintergrund zu sehen und zeitgemäße Veränderungen zu installieren. Den aufrechten Gang müsse man lernen und täglich üben, er sei nicht selbstverständlich.

„Wenn fast alle Menschen ihn beherrschen, besteht die Chance, dass auch diejenigen, die ihn nicht beherrschen, so behandelt werden können, dass sie nicht in Gefängnisse geworfen werden“, so Wolf-Dieter.

Persönliche Begegnungen

Während meiner Zeit als Lehrbeauftragter am IfS hatte ich WDN, wie er von vielen genannt wurde, mehrmals als Gastdozent in meine Uni-Seminare zu „Neue Soziale Bewegungen“, „Anarchismus“ und „Terror, Krieg und Medien“ eingeladen. Auch für die Kongresse „30 Jahre Graswurzelrevolution“ im Juni 2002 und „40 Jahre Graswurzelrevolution“ im September 2012 konnte er als Referent gewonnen werden.

Und es hat mich gefreut, dass er mich 2010 als Referent zum 30. Geburtstagskongress des Grundrechtekomitees nach Berlin eingeladen hat.

Ihm hat es gefallen, wenn ich als „sein Koordinationsredakteur“ angesichts seiner oft chaotischen und ausufernden Manuskripte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, aber dann doch alles gründlich und zu seiner Zufriedenheit lektoriert habe.

Die dicken Kropotkin-Bände hatte ich ihm zur Rezension in die Hand gedrückt, nachdem wir zuvor über Kropotkins „Gegenseitige Hilfe“ diskutiert und er sich dabei als Kropotkin-Kenner geoutet hatte. Natürlich sprengte auch seine großartige Rezension zu  den „Memoiren eines Revolutionärs“ jeglichen Rahmen: 57.750 Zeichen!

Während des NATO-Angriffskriegs gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien veröffentlichte die Graswurzelrevolution mit jeweils 35.000er Auflage unter dem Titel „Nein zu Bomben, Krieg, Vertreibung“ vierseitige GWR-Extrablätter, die im April und Mai 1999 bei Demos und Aktionen unter die Leute gebracht wurden. Gegen mich als presserechtlich verantwortlichen Redakteur wurde damals aufgrund von dort veröffentlichten Blockade- und Desertionsaufrufen ein Ermittlungsverfahren nach §111 StGB („Öffentliche Aufforderung zu Straftaten“) eingeleitet.

Der „Kosovokrieg“ war der erste Angriffskrieg, an dem sich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit Bombern beteiligt hat. Das Verfahren gegen mich war das erste, das gegen einen Journalisten aufgrund eines Desertionsaufrufs eingeleitet wurde. Ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch gegen Wolf-Dieter und mindestens dreißig andere Kriegsgegner*innen wurde 1999 ermittelt und teilweise prozessiert, weil sie den „Aufruf an alle Soldaten: Verweigern Sie Ihre Beteiligung an diesem Krieg!“ (GWR 239, Mai 1999) unterzeichnet hatten. Anders als für gewendete Grünenpolitiker war Krieg für Wolf-Dieter immer ein Verbrechen an der Menschheit, gegen das wir mit gewaltfreien, aber entschiedenen Aktionen vorgehen müssen.

Für ihn waren die lästigen Ermittlungsverfahren und Prozesse in den vielen Jahrzehnten seines Engagements für die Menschenrechte und gegen Ausbeutung, Abschiebungen, Aufrüstung, Atomstaatspolitik, Rassismus und Neofaschismus an der Tagesordnung. Aber er ließ sich von diesen Einschüchterungsversuchen nicht verunsichern.

Unsere Freundschaft war von großer Herzlichkeit geprägt

Trotz zunehmender körperlicher Hinfälligkeit und Schwerhörigkeit, ließ es Wolf-Dieter sich nicht nehmen, im November 2012 an einem Treffen des GWR-Herausgeber*innenkreises in Berlin teilzunehmen.

Von unserer gemeinsamen lieben Freundin Ute Sigrist verabschiedete er sich nach ihrem Tod auf der Gedenkfeier für sie im Mai 2014 in Münster, indem er ihr ein Gedicht widmete und es vortrug. So rührte er auch den zutiefst erschütterten Christian zu Tränen. (7)

Weil es ihm gesundheitlich immer schlechter ging, konnte Wolf-Dieter 2015 weder zur Beerdigung noch zur Gedenkfeier für Christian Sigrist kommen. Aber er hat Ute und Christian in einem bewegenden Nachruf gewürdigt. (8)

Im September 2015 erschien Wolf-Dieters Artikel „Wiedergutmachung als missglückte deutsche Daueraufgabe nach 1945“ angeregt von Rainer Thiem und mit ihm ausgeführt bei Peira und in der GWR 401. Diese Auseinandersetzung auch mit seiner eigenen Kindheit im Nationalsozialismus liest sich wie ein politisches Vermächtnis“

Am 15. Januar 2017, kurz vor seinem 80. Geburtstag, habe ich Wolf-Dieter im Pflegeheim in Berlin besucht. Es war eine traurige Begegnung. Er konnte nicht mehr sprechen, dämmerte vor sich hin und wirkte depressiv.

Als ich nach seiner Beerdigung Elke Steven, der langjährigen Sekretärin des Grundrechtekomitees, davon berichtete, erwiderte sie: „Ich habe es so wie du erlebt und dann aber dieses Jahr im August bei einem Besuch einen gänzlich anderen Eindruck gehabt. Ich war sehr berührt davon, wie zugewandt er mir zuhörte als ich von meiner Arbeit erzählte. Selbstverständlich konnte er es nicht hören. Aber seine Augen waren wach und seine Haltung zugewandt und interessiert. Dieser Habitus war tief verankert.“

Wolf-Dieters Frau Annegret kümmerte sich bis zuletzt liebevoll um ihn. Annegret Falter-Narr: „Wolf-Dieter war ein Kämpfer.“

Trauergottesdienst

Am 22. Oktober 2019 fand ein evangelischer Trauergottesdienst für Wolf-Dieter in Berlin-Dahlem statt. Für mich und viele andere Atheist*innen und Anarchist*innen sind „Gottesdienste“ nur schwer zu ertragen.

Auch Wolf-Dieter stand der Kirche kritisch gegenüber. Aber Trauerfeiern werden eben immer auch für die nächsten Angehörigen gemacht. Und offensichtlich haben es sich einige von ihnen so gewünscht.

Die Trauerreden waren bewegend und die Redner*innen haben Wolf-Dieter würdevoll beschrieben, auch wenn ich mir mehr Reden von Freund*innen und Genoss*innen gewünscht hätte und weniger Gott, Religion und Amen.

Unter den Teilnehmer*innen der Beerdigung waren neben Gesine Schwan, Hans-Christian Ströbele, Peter Grottian, Dirk Vogelskamp und Ralf G. Landmesser auch viele weniger bekannte Freund*innen, Genoss*innen, Kolleg*innen und Verwandte.

Wolf-Dieter liegt jetzt in Sichtweite zu Rudi Dutschkes Grab. Das hätte ihm sicher gefallen.

Ich möchte nicht aufhören, ohne ihn nochmal zu zitieren: „Jerry Rubin, einer der Studentenführer in Berkeley, hat 1968 in etwa gesagt: ‚Wir bekämpfen das System nicht dadurch, was wir – programmatisch – wollen, sondern in der Art, wie wir sind.‘ Also, zuerst ist das andere, das nicht mitmachende Verhalten wichtig. Mit seinen Einsprengseln gegenseitiger Hilfe, Entscheidungen im Konsens zu bilden (oder nicht zu entscheiden). Mit seinen humorigen Äußerungen und Auftritten. Das scheint mir, der ich nicht mehr mitmachen kann, attraktiv. Die Frage drängt und bleibt aber, ob das über einen schönen Augenblick hinausgeht. Die Pariser Commune, in welcher Spektralfarbe immer, ist nicht zu institutionalisieren.“ (9)

Wolf-Dieter ist nach langer, schwerer Krankheit am 12. Oktober 2019 in Berlin gestorben. Sein Tod macht mich traurig.

Wir werden ihn nicht vergessen und können so unfassbar viel von diesem großen Menschenfreund und Anarchisten lernen.

Bernd Drücke, 24.10.2019

Anmerkungen:

1) https://www.graswurzel.net/gwr/2007/06/von-den-indianern-lernen/

2) 23 GWR-Artikel von WDN: https://ildb.nadir.org/q/verlag/Graswurzelrevolution/autorin/Narr,+Wolf-Dieter.html

3) https://blogs.taz.de/bewegung/2019/10/16/wolf-dieter-narr-starb-am-12-oktober/

4) https://www.sueddeutsche.de/kultur/nachruf-auf-wolf-dieter-narr-herrschaftskritik-1.4639723

5) https://www.graswurzel.net/gwr/2003/06/peter-a-kropotkin-memoiren-eines-revolutionars/

6) „Die anarchistische Konzeption nimmt das Gegenüber ernst“. Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Wolf-Dieter Narr, in: Bernd Drücke (Hg.), Anarchismus Hoch 2, Karin Kramer Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-87956-375-3, S. 160-170; https://www.graswurzel.net/gwr/2012/09/menschenrechtliche-arbeit-die-nicht-in-der-luft-schwebt/ ; https://www.graswurzel.net/gwr/2012/10/die-anarchistische-konzeption-nimmt-das-gegenuber-ernst ; https://www.graswurzel.net/gwr/2012/11/wir-bekampfen-das-system-in-der-art-wie-wir-sind

7) https://utesigrist.wordpress.com/2014/05/26/abschied-und-erinnernde-gegenwart/

8) http://dadaweb.de/wiki/Christian_Sigrist_-_Gedenkseite#Nachruf_auf_Ute_und_Christian_Sigrist_von_Wolf-Dieter_Narr

9) „Die anarchistische Konzeption nimmt das Gegenüber ernst“, a.a.O., S. 170

WDN-Texte: www.wolfdieternarr.de

DadA-Web-Gedenkseite: http://dadaweb.de/wiki/Wolf-Dieter_Narr_-_Gedenkseite

Nachrufe:

www.grundrechtekomitee.de/node/1000

https://netzpolitik.org/2019/zum-tode-von-wolf-dieter-narr/

https://www.aktion-freiheitstattangst.org/de/articles/7044-20191016-nachruf-auf-einen-grossen-humanisten.htm

https://www.jungewelt.de/artikel/364786.wissenschaft-wolf-dieter-narr-ist-tot.html

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1127241.wolf-dieter-narr-niemand-soll-herrschen.html

https://www.tagesspiegel.de/wissen/nachruf-auf-wolf-dieter-narr-immer-solidarisch-mit-studierenden-lehrenden-inhaftierten/25114284.html

https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/wider-das-wolkenkuckucksheim

Literatur (Auswahl):

Radikale Kritik und emanzipatorische Praxis. Ausgewählte Schriften kommentiert von Wegbegleiter*innen, Westfälisches Dampfboot, Münster 2017, ISBN 978-3-89691-298-5

Niemands-Herrschaft. Eine Einführung in die Schwierigkeiten, Herrschaft zu begreifen. Hg. v. Uta von Winterfeld. VSA, Hamburg 2015, ISBN 978-3-89965-600-8.

Hg. mit Dirk Vogelskamp: Trotzdem: Menschenrechte! Versuch, uns und anderen nach nationalsozialistischer Inhumanität Menschenrechte zu erklären. Komitee für Grundrechte und Demokratie, Köln 2012, ISBN 978-3-88906-137-9.

Mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolf-Dieter_Narr

Bildtexte:
Wolf-Dieter Narr (1937-2019)       Foto: www.wolfdieternarr.de

Wolf-Dieter Narr und Graswurzelrevolution-Redakteur Bernd Drücke beim 30-Jahre-Graswurzelrevolution-Kongress im Juni 2002 in der ESG-Aula Münster. Fotos: GWR-Archiv

WDN. Zeichnung von Findus, aus: Anarchismus Hoch 2, Berlin 2014

Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 443, November 2019, www.graswurzel.net

memorial „Der inspirierende Hochschullehrer“
Ein Nachruf von Peter Grottian auf Wolf-Dieter Narr (1937-2019)

Aus Graswurzelrevolution Nr. 443, November 2019

Ach, wir könnten jetzt einen Narr erleben, der stinksauer reagieren würde, wenn er die Nachruf-Rituale entdeckte. Er wollte doch so gehen wie Claus Koch – still und ohne jedes Brimborium.

Wer aus Gesprächen mit Wolf-Dieter kam – war irgendwie ein Stück weit ein etwas anderer Mensch. Die Studierenden der ersten Semester waren fasziniert, obwohl sie den Reichtum des Universal-Gelehrten noch nicht so ganz erfassen konnten.

Zuweilen nur ahnten, an welchem Schatz sie Zugang hatten. Die höheren Semester genossen ihn als Hochschullehrer, der fast zu allen gesellschaftlichen Entwicklungen zu einer angemessenen politikwissenschaftlichen Interpretation in der Lage war.

Mit atemberaubenden Verknüpfungen, Assoziationen und oft überraschenden strategischen Konsequenzen. Die Doktoranden bewunderten seine unermüdlichen Fähigkeiten, sich in das jeweilige Thema der Doktorarbeit zu versetzen und den Himmel der forschenden Möglichkeiten so aufzureißen, dass in der Regel die inspirierenden und motivierenden Potentiale einen kräftigen Schub erhielten.

Seine Habilitanden ermutigte er, die unsinnigste Qualifikationshürde auf dem Weg zum Hochschullehrer mit Bravour zu meistern. Seine Kolleginnen und Kollegen verblüffte Wolf-Dieter regelmäßig mit seinen messerscharfen Kritiken an dem Zustand der Politikwissenschaft und wie wenig diese Disziplin in der Lage war, die gesellschaftlichen Wirklichkeiten theoretisch und empirisch abzubilden. Herrschaftskritik war deshalb seine wissenschaftliche und politische Leitlinie.

Wolf-Dieter Narr war ein Hochschullehrer der ganz besonderen Art. Er lebte seine Bürger- und Menschenrechte. Immer solidarisch von gleich zu gleich, niemals arrogant oder herrisch. Dem Menschen geschlechterdemokratisch zugewendet, ernst nehmend, ermutigend, entlang der aufblühenden Fähigkeiten.

Er rettete institutionell das Otto-Suhr-Institut vor dem Auseinanderbrechen, schrieb flammende Texte mit dem Kollegen Grauhan für ein wirklich politikwissenschaftliches Curriculum.

Er vergaß niemals den Adressaten seiner Forschung und Lehre: Die Menschen mit und ohne Bürger- und Menschenrechte, die außerparlamentarischen Bewegungen und Initiativen, denen er sich verpflichtet fühlte. Und seine Studentinnen und Studenten – die betreute er, wie es heute kaum noch ein Hochschullehrer macht. Mit sehr ausführlichen Sprechstunden. Da wurden die Himmel der Erkenntnisse aufgemacht. Seminararbeiten wurden detailreich kommentiert, Gutachten zu den Diplomarbeiten wurden zur wissenschaftlichen Abhandlung. Die studentischen Aktivist*innen bewunderten ihn zuletzt 2009 in Heiligendamm, als er mit dem Stock protestierend durch die Wiesen stapfte. Er organisierte Tribunale gegen Berufsverbote, er machte zusammen mit Klaus Vack den zivilen Ungehorsam zum Markenzeichen der Friedensbewegung (Mutlangen). Und er wusste schon früh über die politische Sprengkraft von Migrationsbewegungen. Er betreute anrührend Menschen im Knast, deren Menschenwürde vollends vor die Hunde zu gehen drohte. Das von ihm und Klaus Vack begründete Komitee für Grundrechte und Demokratie war der außerparlamentarische Ausdruck seiner Profession als Hochschullehrer und Bewegungsunternehmer. Er erfand Demonstrationsbeobachtungen, stand vor den Zäunen des Abschiebeknasts in Worms genauso wie vor den Polizeiketten von Wackersdorf und Brokdorf.

Das Schreiben war seine Leidenschaft. Aber auch das Reden im schwäbelnden Duktus – feurig, unerbittlich und im aufrechten Gang. Als Lehrbuch-Schreiber der Politikwissenschaft, als neben Wilhelm Hennis bester Kenner Max Webers, als furios streitenden Kollegen mit Jürgen Habermas, als von Marx und Weber inspirierter Herrschaftskritiker. Leider hat sein letztes Buch zur „Niemandsherrschaft“ zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Er diagnostizierte das, was man zurecht „Blackrock-Kapitalismus“ nennen könnte: 4,3 Billionen Euro Anlagekapital in den 30 DAX-Unternehmen mit 5-10 Prozent Vertretern von New York aus gesteuert, bester Kenner der Branchen, mit Aladdin besser informiert als Draghi – aber auf keiner Aktionärsversammlung sichtbar, als Schattenbank zwischen den Linien und Dauergesprächspartner einer Bundesregierung, die über die Macht von Blackrock beharrlich schweigt. Diese Gefahr für die soziale Marktwirtschaft und die Demokratie hat Narr trefflich auf den Punkt gebracht.

Unvergessen ist auch die Mitherausgeberschaft der Zeitschrift „Leviathan“, die zu seiner Zeit noch sozialwissenschaftlichen Biss hatte. Jutta Roitsch stöhnte als Leiterin der FR-Dokumentation über die mit voluminösen „Narrs“ vollgestopften Assoziationsketten, bat Freunde die Texte zu „Entnarren“, aber war von der Relevanz so angetan, dass diese in der links-liberalen Medienlandschaft erschienen.

Es gibt aber auch zwei Geschichten aus dem Leben des Wolf-Dieter Narr, die prägend waren. Da war die Verstrickung des Vaters mit dem NS-Regime, die Wolf-Dieter immer wieder zum „Nie-wieder-Widerstand“ führte, so liebevoll auch sein Verhältnis zu seinem Vater, aber insbesondere zu seiner geliebten Mutter war. Die zweite Geschichte ist bedrückend und demütig. Als Dein Reemtsma-Chef, Jan-Philipp Reemtsma, Dich wie ein Unternehmer über Nacht vom Hof jagte, schweigend mit der typischen Unternehmergeste. Das hat keiner verstanden, da doch das Forschungsprogramm scheinbar im Konsens beschlossen war, was Du in Diskussionen mit uns ausgearbeitet hast. Leider hattest Du, lieber Freund Wolf-Dieter, nicht den Mut diese maßlose Schweinerei öffentlich zu thematisieren und zu brandmarken. Das gehört zu den wenigen Situationen, wo der freundschaftliche Streit zu eskalieren drohte.

Wolf-Dieter hat diesen Rauswurf über Jahre nicht verwunden – zu reizvoll war die Vorstellung gesellschaftsrelevante Forschung betreiben zu können.

Unter der Hand, lieber Freund Wolf-Dieter, ist der Text zu einer Lobeshymne an den inspirierenden Hochschullehrer geworden.

Obwohl doch Dein Freund, Peter Grottian, weiß, dass ein großes Lob und ein Dank für Dich fast unverträglich waren – da machtest Du in der Regel eine abwehrende Geste, schautest auf den Boden und machtest kund, dass Du diese Form des Lobes eigentlich nicht mochtest.

Aber da halte ich es mit unserer gemeinsamen Freundin Jutta Roitsch, die in ihrer bewegenden Rede zu Deiner Emeritierung (2001) auch aus ihrer Zuneigung zu Dir keinen Hehl machte. Du warst und bist für mich der inspirierendste Hochschullehrer, den ich als Kollege und Freund bisher erleben durfte.

Peter Grottian
Peter Grottian ist Hochschullehrer für Politikwissenschaft an der FU Berlin.

Bildtext:
Professor Dr. Wolf-Dieter Narr 2012. Foto: Bernd Drücke

 

 

 

 

 

Peira

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Peira - Gesellschaft für Politsches Wagnis: Demokratie ist ein ständiges Wagnis. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und eine stets gefährdete Kulturleistung. Deshalb brauchen wir einen ständigen öffentlichen Diskurs über die Frage, was es heißt, demokratisch zu sein. Peira wird an diesem Diskurs offensiv teilnehmen und durch Angebote im Bereich der politischen Bildung mit dazu beitragen, Verständnis und Leidenschaft für das demokratische Miteinander zu fördern. Ziel ist es, die gesellschaftlichen Defizite der bestehenden Demokratie zu überwinden, um künftig allen Menschen ein Leben in Freiheit und Würde zu sichern.